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| 17:38 Uhr

Lausitzer Unternehmergeschichten Christina Grätz
Für die Natur und auch für die Menschen

Christina Grätz hat sich als Botanikerin selbstständig gemacht, um einstige Tagebauflächen zu begrünen.  
Christina Grätz hat sich als Botanikerin selbstständig gemacht, um einstige Tagebauflächen zu begrünen.   FOTO: Frank Claus
Jänschwalde. Lausitzer Unternehmer berichten in loser Folge von ihren Erfahrungen in der sich wandelnden Region. Heute: Christina Grätz, Chefin der Nagola Re GmbH.

Ich bin 43 Jahre alt und hier in der Lausitz aufgewachsen. Meinen Heimatort nahe Spremberg gibt es nicht mehr. Er wurde abgebaggert.

Früh lernte ich, was es bedeutet, als Selbstständiger zu arbeiten. Einer langen Familientradition folgend war mein Vater selbstständiger Zimmermann mit einem eigenen Betrieb.

Im Jahr 2011 gründete ich meine eigene Firma, die Nagola Re GmbH. Die ersten Monate waren schwer, doch es klappte. Wir arbeiteten unsere Aufträge ab, begrünten für Vattenfall die Renaturierungsflächen des Tagebaus Jänschwalde und gewannen neue Auftraggeber. Zu tun gibt es für uns auf Jahre genug.

Kurz und gut, wir müssen weiterwachsen! Es ist spannend und schön, das zu wissen. Und es macht riesengroßen Spaß, wenn wir auf eine der von uns renaturierten Flächen kommen, und alles blüht dort bunt und vielfältig. Insbesondere die Flächen des Bergbaus sind gelungen und erregen deutschland- und inzwischen europaweit Aufmerksamkeit.

Natürlich geht das Alles nicht ohne Widerspruch ab. Es beginnt schon bei meiner eigenen Biografie: In meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit kämpfte ich gegen die „Scheißkohle“. Ich machte bei der Besetzung eines Dorfes mit, als feststand, dass es abgebaggert werden sollte. Ich war einfach wütend, dass mir der Tagebau damals die Heimat weggenommen hatte. Mit dem Erwachsenwerden merkte ich, dass ich den Abbau der Braunkohle nicht verhindern kann.

Alle Tagebaue, deren Auskohlung genehmigt wurde, werden auch zu Ende geführt. Das ist beschlossene Sache. Durch meine Arbeit auf den Renaturierungsflächen bekam ich jedoch die Chance, der Natur etwas wiederzugeben – auf eine besondere Art und Weise. Und ich erlebe dabei viele schöne Geschichten. Ich habe also gemerkt, dass ich sehr viel erreichen kann, wenn ich mich einbringe, anstatt immer nur dagegen zu sein.

Einmal wollten die Einwohner einer Anliegergemeinde des Tagebaus die Renaturierungsflächen nicht haben. Sie befürchteten, dass die Landschaft auf lange Zeit kahl und öde bleiben würde, und sagten: „Wir wollen hier keine Wüste!“

Als ich die ersten Flächen begrünt hatte, befand unser Auftraggeber Vattenfall: „Mit den Leuten machen wir mal eine Exkursion hierher, damit sie sehen, wie es jetzt hier aussieht.“

Danach waren die Teilnehmer regelrecht ergriffen und sagten: „Das machen Sie so toll! Und wenn Sie uns das Ganze erklären, merkt man, wie viel Liebe von Ihnen da drinsteckt.“

Auch regionale Befindlichkeiten kommen dabei ins Spiel. In Taubendorf, einer Gemeinde direkt am Tagebau Jänschwalde, sind die Bewohner sehr bergbaukritisch. Als ich ihnen die von uns renaturierten Flächen zeigte, sagte mir einer: „Das sieht wirklich toll aus, aber euer ganzes Mahdgut kommt aus Schlacksdorf. Die Schlacksdorfer und wir sind uns ja nicht immer grün! Noch dazu habt ihr uns mit dem Bergbau unsere Heide weggenommen!“

„Das stimmt nicht“, antwortete ich dem Mann. „Kommen Sie mal mit mir mit. Schauen Sie da vorn, da wo es rosa blüht. Das ist eure Heide. Wir haben sie abgetragen und hier wieder hingebracht. Die ist nicht verloren, sondern lebt hier weiter – für euch.“

Wir arbeiten auch mit Landwirtschaftsbetrieben zusammen, welche uns ihre Technik zur Verfügung stellen. Die Ernte bewältigen wir dann gemeinsam. Die Jungs vertrauten mir eines Tages an: „Als der Chef uns am Anfang sagte: ‚Da kommt so‘ne Biologin und zeigt euch, was ihr da machen müsst‘, haben wir gedacht: ‚Um Himmels Willen, was wird da für Eine ankommen?’“

Mittlerweile machen wir sehr viel gemeinsam. Der Chef ließ mich neulich wissen: „Frau Grätz, Sie haben mir mein Team versaut!“

„Oh Gott, was habe ich denn gemacht?“

„Wenn wir jetzt irgendwo was mähen müssen, stehen da überall noch so ungemähte Stücken, und wenn ich frag: ‚Was soll‘n das?‘, antworten die mir glatt: ‚Da blüht doch die Grasnelke! Die wird erst abgemäht, wenn die Samen ausgefallen sind.’“