Fast jeder Handwerksbetrieb im Süden Brandenburgs ist auf der Suche nach Mitarbeitern. Statistisch sucht jede Firma 2,5 Fachkräfte. In der Baubranche sind es sogar vier, die die Betriebe sofort einstellen würden. Und die Situation könnte sich noch verschärfen.

Oft dauert es Monate, ehe freie Stellen wieder besetzt werden können. Auftraggeber müssen nicht nur in der Lausitz um die elf Wochen warten, ehe ein Handwerksbetrieb anrückt.

Inzwischen kommt es immer wieder vor allem im Bau- und Ausbauhandwerk vor, das Handwerksbetriebe Aufträge wegen fehlender Mitarbeiter ablehnen müssen, bestätigt Michel Havasi, der Sprecher der Handwerkskammer Cottbus. Die Betriebe seien einfach nicht in der Lage neue Aufträge fristgerecht abarbeiten zu können. Der Mangel an Fachkräften ist damit längst zu einem Problem für das Wirtschaftswachstum in der Lausitz.

Dramatische Zahlen

Die Wurzeln der derzeitigen Probleme reichen weit zurück. Seit fast zwei Jahrzehnten ist die Zahl der Lehrlinge in den Lausitzer Handwerksbetrieben deutlich gesunken. Im Jahr 1997 zählte die Handwerkskammer Cottbus beispielsweise 6950 Auszubildende über alle drei Lehrjahre hinweg. Aktuell liegt diese Zahl bei rund 1700.

1996 hatten noch mehr als 2000 Schulabgänger eine Lehre im Lausitzer Handwerk begonnen. Im Jahr 2018 waren es gerade einmal 600.

Hauptgründe für den dramatischen Rückgang der Zahlen sind nicht zuletzt geburtenschwache Jahrgänge in der Region und damit direkt verbunden rückläufige Schülerzahlen. Das dürfte eine direkte Folge auch der massiven Abwanderung junger Menschen aus der Lausitz gewesen sein. Diese Wanderungsbewegung in Richtung Westen war damals sogar von der Politik aktiv unterstützt worden.

Wegzugsprämien mit fatalen Folgen

Weil die Arbeitslosenzahlen in der Lausitz in die Höhe schnellten und Lehrstellen wie Arbeitsplätze im Osten zur Dauermangelware wurden, gab es mit sogenannten Wegzugsprämien gar starke finanzielle Anreize, die Lausitz zu verlassen. Seit Anfang 2001 erhielten Arbeitslose in Brandenburg eine Prämie von 2556 Euro, wenn sie einen Arbeitsplatz in den westlichen Bundesländern nachweisen konnten. Dadurch gingen dem Land auch Tausende gut ausgebildete Fachkräfte verloren.

Es waren vor allem jungen Leute, die schließlich auch auf dem Weg waren eine eigene Familie zu gründen, die der Region auf der Suche nach Arbeit den Rücken gekehrt hatten.

Einst florierende Industriestädte wie Guben (Spree-Neiße) oder Weißwasser (Landkreis Görlitz) haben die Zahl ihrer Einwohner seit 1990 nahezu halbiert.

Das Studium als „Königsweg“

Gleichzeitig ließ das Interesse Jugendlicher an Handwerksberufen dramatisch nach. Weil Lehrstellen fehlten, wurde unter Schulabgängern massive für Studienangebote geworben. Die verhießen damals bessere Jobaussichten mit langfristig besserer Bezahlung.

Als sich auch Handwerksbetriebe in Brandenburg ihre Lehrlinge noch aus Bergen von Bewerbungsmappen aussuchen konnten, lag die die Übernahmequote nach erfolgreicher Ausbildung Anfang der 2000-er Jahre bei gerade einmal 45 Prozent. Und so auch Handwerksbetriebe die von ihnen ausgebildeten Fachleute massenweise ziehen, in der irrigen Annahme, dass der Strom des Nachwuchses nie versiegt. Auch das schreckte ab und zog viele Schulabgänger in die Studiengänge an die Hochschulen und Universitäten.

Inzwischen steigt nach Informationen der Handwerkskammer Cottbus die Zahl der Lehrlinge. „Wir betreiben auf allen Kanälen großen Aufwand, um junge Menschen zu begeistern“, sagt Michel Havasi. Die Bemühungen machen sich bemerkbar. Trotzdem reichten die Neuzugänge nicht, um den aktuellen Bedarf der Handwerksbetriebe zu decken und schon gar nicht, um die Lehrlingslücke der zurückliegenden Jahre zu kompensieren.