Nirgendwo in Deutschland prallen derzeit Kulturen undWirtschaftsphilosophien stärker aufeinander als amCargoLifter-Standort Brand. Hier, wo vor Monaten noch über 500Menschen arbeiteten, könnten in einigen Jahren noch viel mehrihren Unterhalt verdienen - wenn es deutschen Behörden gelingt,über ihren Schatten zu springen und sich amerikanischemArbeitstempo anzupassen. 300 Millionen Dollar würde UniversalExpress in der Lausitz investieren, erklärteCargoLifter-Insolvenzverwalter Prof. Rolf-Dieter Mönning gesternder RUNDSCHAU. Aber nur, fügte er hinzu, wenn Entscheidungenrasch fallen. Brandenburgs Wirtschaftsministerium erklärte aufNachfrage, die Gespräche würden laufen, aber es seiVertraulichkeit vereinbart worden. DasBundeswirtschaftsministerium reagierte gar nicht.

Ausbau der Infrastruktur nötig
Das Logistikunternehmen Universal Express möchte den Standortnicht nur für den Luftschiffbau nutzen. Das erfordert - bis hinzu Brückenbau und Bahnanschluss - die Erweiterung derInfrastruktur und macht neue Genehmigungen erforderlich. DieAmerikaner wollen auch wissen, in welcher Höhe sie mitFördermitteln und öffentlichen Darlehen rechnen können. Und siehaben bereits deutlich gemacht, dass sie sich auch weiter östlichniederlassen können.
Nachdem es in monatelangen Verhandlungen gelungen ist, einenInvestor für den CargoLifter-Standort zu interessieren, ist esnach Einschätzung von Mönning keineswegs sicher, dass es nun auchgelingt, die in Deutschland enorm hohen bürokratischen Hürden zunehmen. Den in der Presse bereits genannten Kaufpreis von 87,3Millionen Dollar (81,19 Millionen Euro) wollte Mönning wederbestätigen noch dementieren.
Allerdings seien Veröffentlichungen, dass der Kauf teilweise übereinen Aktientausch abgewickelt werden könnte, reineSpekulationen. Ein Tausch von CargoLifter-Aktien gegen Aktien vonUniversal Express wäre zwar für die Aktionäre des insolventendeutschen Luftschiffunternehmens vorteilhaft, denn sie würden beieinem Erfolg des neuen Projektes profitieren. Aber für dieGläubiger wäre ein Tausch von Nachteil. Bevor Universal Expresseinen Teil des Kaufpreises per Aktientausch realisieren könnte,müssten die Gläubiger, voran das Land Brandenburg, auf einenbeachtlichen Teil ihrer Forderungen verzichten.
„Darüber kann der Insolvenzverwalter gar nicht entscheiden“ ,sagte Mönning. „So etwas geht nur mit Zustimmung desGläubigerausschusses. Und dann müsste außerdem noch dasInsolvenzgericht zustimmen.“ Dies aber sei sehr fraglich. Dennrechtlich sei ein Gläubigerverzicht überhaupt nur möglich, wennVorstand und Aufsichtsrat von CargoLifter sich nichts zu Schuldenkommen ließen. Gegenwärtig aber ermittle die Staatsanwaltschaftgegen das CargoLifter-Management.
Bei diesen Ermittlungen geht es um die Frage, ab welchemZeitpunkt den Mitgliedern des Vorstandes und des Aufsichtsratesklar war, dass die Planungen für Entwicklung und Bau desLuftschiffs CL-160 völlig unrealistisch waren. Haben sie bei denKäufern der Aktien vorsätzlich falsche Erwartungen geweckthinsichtlich des Zeitrahmens und der Gesamtkosten des Projektes?Das wäre dann Betrug. In einer internen Studie des Unternehmenssollen leitende Ingenieure mit Blick auf viel längereEntwicklungszeiten die Gesamtkosten mit drei Milliarden Mark(1,53 Milliarden Euro) veranschlagt haben. Offiziell hatte dasUnternehmen noch Anfang April 2002 den Gesamtbedarf bis zumBeginn der Luftschiff-Serienproduktion auf 720 Millionen Eurobeziffert. Das ist nicht einmal die Hälfte.

Vorwürfe gegen altes Management
Neben Betrugsvorwürfen sieht sich das alte CargoLifter-Managementdem Vorwurf einer Insolvenzverschleppung gegenüber. Es gehtdarum, dass Entwicklungskosten von weit über hundert MillionenEuro in der Bilanz als Eigenleistung aktiviert wurden. Falls aberfür das Entwicklungsprojekt keine realistischeRealisierungschance bestanden haben sollte, hätte dieseAktivierung nicht erfolgen dürfen. Dann wäre der Tatbestand derInsolvenz schon früher als im Juni 2002 erfüllt gewesen.
Einem Aktientausch stehen aus derzeitiger Sicht also erheblichejuristische Hürden im Weg. Es ist aber bislang nicht ersichtlich,dass die Amerikaner ihr Engagement von dieser Zahlungsvarianteabhängig machen. Viel höher liegen offenbar die Hürden, wenn esum das Engagement der deutschen Bürokratie für den Standort Brandund viele hundert Arbeitsplätze geht.
Als Clemens Appel, Staatssekretär in BrandenburgsVerkehrsministerium, am 11. Februar in Berlin die Ausstellung„Luftfahrt in Brandenburg“ eröffnete und über eben dieses Themasprach, wurde er gefragt, wie es um das Investment von UniversalExpress steht. Verdutzt erkundigte er sich, wer denn das ist.

Hintergrund United-Airships-Variante am Standort Brand
Kooperation: Da Universal Express über keine eigene Luftschiffentwicklung verfügt, denken die Amerikaner an eine Kooperation mit dem britischen Luftschiffbauer Advanced Technologies Group Airships (ATG). Zunächst würde der Skycat 20 von ATG in Brand gebaut.
CargoLifter hatte im Herbst die Zusammenarbeit mit dem einstigen Konkurrenten ATG in die Wege geleitet. Nach dem endgültigen finanziellen Aus von CargoLifter im November hatte der Insolvenzverwalter das Modell einer internationalen Produktionsgesellschaft United Airships für Brand ins Gespräch gebracht.
United Airships könnte neben ATG weitere Luftschiffbauer als Gesellschafter erhalten. Das Unternehmen sollte ursprünglich als gemeinsame Produktionsgesellschaft fungieren. Bei einem Erwerb der Werfthalle durch Universal Express müsste es diese von den Amerikanern anmieten oder ihnen gegenüber als Auftraggeber fungieren.