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| 01:36 Uhr

Lauchhammer: Takraf startet in italienische Ära

Bei Takraf in Lauchhammer montiert Vorarbeiter Peter Niemann Umlenkrollen am Fahrwerk für einen Bandschleifenwagen, der nach Australien exportiert wird.
Bei Takraf in Lauchhammer montiert Vorarbeiter Peter Niemann Umlenkrollen am Fahrwerk für einen Bandschleifenwagen, der nach Australien exportiert wird. FOTO: Rasche
Für die Takraf GmbH mit ihren rund 420 Beschäftigten in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) und Leipzig hat das erste italienische Jahr begonnen. Bereits im Sommer 2007 war vom bisherigen Eigentümer, der Münchner Industrieholding VTC, der Verkauf des Unternehmens an den italienischen Anlagenbauer Tenova (Mailand) gemeldet worden. Aber erst im Dezember, nach der Zustimmung des Bundeskartellamtes, konnte Takraf tatsächlich auch die italienische Flagge hissen. Rolf Bartonek

Was sich hinter den Kulissen in München und Mailand abgespielt hat, darüber ist in Lauchhammer kaum etwas bekannt. Gerhard Nies, Mitglied der Takraf-Geschäftsleitung, räumt unumwunden ein, dass hier alle von dem Verkauf überrascht wurden. Denn im Sommer 2007 war es noch nicht einmal ein Jahr her gewesen, dass VTC den ostdeutschen Schwermaschinenbauer vom MAN-Konzern erworben hatte.

Für VTC dürfte sich der schnelle Weiterverkauf gelohnt haben. Denn Takraf konnte sein internationales Renommee in den vergangenen Monaten erneut steigern. Nies berichtet, der Auftragseingang habe 2007 ein Volumen von mehr als 200 Millionen Euro erreicht. Das sei gegenüber 2006 ein Plus von über 50 Prozent. Bei dem Hersteller von Tagebaugeräten und Umschlagtechnik seien die Kapazitäten in allen Bereichen gut ausgelastet. Die günstige Konjunktur in der Rohstoffwirtschaft führe sogar vereinzelt zu Lieferengpässen bei wichtigen Maschinenteilen wie Lager und Hydraulik.

Insgesamt hat Takraf im vergangenen Jahr neue Großaufträge in 15 Ländern an Land gezogen. Dabei ist laut Nies der Trend zur verstärkten Ausbeutung von Kohlelagerstätten weltweit ungebrochen und steht in krassem Gegensatz zu Anti-Kohle-Kampagnen in Deutschland. „Es gibt in der Welt keinerlei Abkehr von der Stein- oder Braunkohle, etwa aus Klimaschutzgründen“ , sagt Nies.
Vor allem in Australien, den USA, China und Indien werde stark in die Erschließung neuer Kohlefelder investiert. Aber auch viele europäische Länder würden derzeit keine ausreichenden Alternativen zur Kohle sehen, vor allem nicht zur Braunkohle. Takraf merke das an steigender Nachfrage. „Mazedonien zum Beispiel deckt 78 Prozent seines Energiebedarfs aus Braunkohle, Griechenland 69 Prozent, sogar das Steinkohleland Polen gewinnt 36 Prozent der Energie aus Braunkohle“ , erklärt Nies. Er plädiert dafür, in Deutschland den Energiemix beizubehalten, allerdings mit klimafreundlichen Innovationen.

Viele neue Großaufträge

Zu den neuen Großaufträgen, die Takraf 2007 erhielt, gehören Entwicklung und Bau einer fahrbaren Brecherbandanlage mit Absetzer für den australischen Kohletagebau in Brisbane. Das Besondere daran ist, dass die Anlage direkt von einem Löffelbagger beschickt wird. Bislang ist es üblich, dass der Bagger Lkw belädt und diese dann das Material zum Brecher bringen. Dies ist nicht mehr erforderlich, wenn ein fahrbarer Brecher dem Bagger folgen kann. In Lauchhammer werden zurzeit 650 Tonnen kompakte Stahlbauteile wie Raupen- und Plattenbänder dafür produziert.

Ebenfalls für Australien, aber für die Erzgewinnung im Westen des Kontinents, baut Takraf Tagebaufräsen für besonders hartes Erz. In Serbien werden zwei Braunkohle-Tagebaue bei Belgrad jeweils mit Schaufelradbagger, Bandanlage und Absetzer (zum Verkippen des Abraums) bestückt. Nach Mazedonien geht ein neu entwickelter Kompaktbagger, der eine Abtragshöhe von 23 Metern realisieren und stündlich 4500 Kubikmeter Abraum bewegen kann. Normal seien Abtragshöhen von 15 bis 16 Metern, erläutert Nies.

In Brasilien wird ein Eisenerz-Tagebau mit Bandanlagen und Umschlagtechnik für den Lagerplatz ausgestattet. Takraf ist auch beteiligt am Ausbau des russischen Hafens Ust-Luga, gelegen etwa 150 Kilometer westlich von St. Petersburg. Ust-Luga soll der größte Umschlagterminal für russische Rohstoffe nach Westeuropa werden. Das Unternehmen baut dafür Bandanlagen, Waggonkipper und andere Umschlagtechnik. Gelungen ist dem Anlagenbauer 2007 der Einstieg in kanadische Ölsandprojekte. In den Bundesstaat Alberta liefert Takraf Bandanlagen zum Transport des hartgefrorenen Ölsands. Im polnischen Braunkohletagebau Belchatow bei Lodz wird Takraf bis 2010 fünf Schaufelradbagger modernisieren.

Und in Deutschland? Hier gibt es Arbeit im Tagebau Reichwalde, der vom Vattenfall-Konzern im Zuge des Boxberger Kraftwerksneubaus wieder aufgemacht wird. Der Tagebau verfügt über eine Ende der 80er-Jahre gebaute Förderbrücke, die infolge der zeitweisen Stilllegung des Abbaufeldes etwa 15 Jahre ruhte. Sie soll modernisiert werden. Eine der schwierigsten Aufgaben dabei ist das Auswechseln der 40 Meter langen und vier Meter hohen Rollbahnträger. „Das sind die höchstbelastetsten Teile einer Förderbrücke“ , sagt Nies.

Suche nach Synergien

All diese Projekte haben inhaltlich noch nichts mit dem neuen Eigentümer zu tun. Die italienische Ära, die für Takraf 2008 erst richtig beginnt, wird im Umschlagbereich neue Produkte wie Schiffsentlader ins Takraf-Portfolio bringen. Denn der Mailänder Tenova-Konzern ist vor allem im Bereich metallurgische Ausrüstungen, Walzwerke und Ingenieurbau tätig. Takraf wird das Angebot ergänzen. Vom Erz-Abbau über die Schmelze bis hin zum Walzen – Maschinen und Anlagen dafür sind künftig aus einer Hand zu haben. Tenova könnte die Takraf-Offerten auch mit seinem Ingenieurbau erweitern. „Wir sind froh, jetzt einen starken industriellen Partner an der Seite zu haben, mit dem wir Synergien erschließen können“ , sagt Nies.

Investition in ein großes Bohr- und Fräswerk
In Lauchhammer will Takraf Mitte 2009 für rund 1,6 Millionen Euro ein neues großes Bohr- und Fräswerk in Betrieb nehmen. Die elektronisch gesteuerte Anlage mit integrierter Messtechnik ist bereits bestellt beim Werkzeugmaschhinenbauer Union in Chemnitz. Sie wird 20 Meter lang, sechs Meter hoch und fünf Meter breit und soll die Bearbeitung großer Teile erlauben.
Tenova und Takraf verfolgen laut Gerhard Nies gleiche Philosophien: Wachstum vorrangig durch Innovationen. Takraf arbeitet dabei mit den Technischen Universitäten Freiberg, Dresden und Hannover sowie der Fachhochschule Lausitz zusammen.