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Lange Leitung mit Sprengstoff

Mehr Strom aus erneuerbaren Energiequellen braucht ein leistungsfähiges Netz. Der Ausbau und die Trassenführung sorgen für Streit. Foto: dpa
Mehr Strom aus erneuerbaren Energiequellen braucht ein leistungsfähiges Netz. Der Ausbau und die Trassenführung sorgen für Streit. Foto: dpa FOTO: dpa
Angermünde/Potsdam. Die Diskussion erinnert an Debatten über Windräder. Gegner einer Stromtrasse kritisieren die drohende Verschandelung der Landschaft – die lange Freileitung soll ausgerechnet durch ein Biosphärenreservat führen. Die Ablehnung der Trasse hat aber noch andere Gründe. Leticia Witte

Gefährliches Hindernis für Zugvögel, Gesundheitsrisiken für Menschen und eine optische Zumutung: Mit diesen Argumenten wehren sich Brandenburger im Nordosten des Landes gegen eine geplante Stromtrasse. Die mehr als 100 Kilometer lange Freileitung soll durch mehrere Landkreise führen - und durch das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. "Da ist so viel Sprengstoff drin in dieser Leitung", sagt Gunnar Hemme von der Bürgerinitiative "Biosphäre unter Strom".

Hemme betont, dass er und seine Mitstreiter nicht grundsätzlich gegen die lange Leitung seien. "Strom muss von A nach B transportiert werden." Aber: "Wir wollen das Biosphärenreservat schützen", sagt Hemme. Gelöst werden könne das Problem, wenn die Trasse unter die Erde verlegt werde. Allerdings wären die Kosten dafür viel höher als für eine Freileitung, gibt der Unternehmer zu bedenken. Außerdem werde auch damit in die Umwelt eingegriffen - eine Verlegung unter die Erde sei aber das geringere Übel.

Die geplante 380-Kilovolt-Freileitung soll über 115 Kilometer die Umspannwerke Bertikow (Uckermark) und Neuenhagen (Märkisch-Oderland) verbinden. Das Unternehmen 50 Hertz will 130 Millionen Euro in das Projekt zum bundesweiten Ausbau des bestehenden Stromnetzes investieren. Die gesamte Leitung soll am Ende Strom von Windkraftanlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg über Berlin nach Süddeutschland transportieren, wie Dirk Man they von der Projektkommunikation erläutert.

Die Leitung soll auch durch die Stadt Eberswalde (Barnim) bei Berlin führen. Erst kürzlich hat 50 Hertz mitgeteilt, dass die Trasse dort auch überirdisch verlaufen wird. Ein Grund seien die höheren Kosten: Ein Erdkabel würde dort zwölf bis 14,5 Millionen Euro pro Kilometer kosten, eine Freileitung dagegen eine Million Euro. Um den Bewohnern entgegenzukommen, könnte im südlichen Eberswalde die Höhe der Masten um bis zu zwölf Meter reduziert werden, hieß es.

Ähnliche Reduzierungen seien auch anderenorts möglich, erklärt Trassen-Gegner Hemme. Etwa, um Zugvögel zu schützen, die im Dunkeln oder bei Nebel dann nicht gegen die Leitung flögen. In Eberswalde dagegen könnten Menschen, die so nah an einer Freileitung lebten, wegen der Strahlung gesundheitlichen Risiken ausgesetzt werden.

Ob und wann es die Stromtrasse geben wird, ist offen. Im Juni 2010 hat erst einmal ein Planfeststellungsverfahren begonnen. Bei dem zuständigen Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe seien schon 1552 Einwendungen gegen das Projekt eingegangen.

Die Berliner Firma plant laut Manthey "Ausgleichsmaßnahmen" für die Trasse - zum Beispiel Streuobstwiesen und den Rückbau von alten Leitungen. Manthey sagt, er gehe weiter davon aus, dass eine Freileitung beantragt werde. Eine Verlegung unter die Erde würde nicht nur Kosten verursachen, sondern auch kaum genehmigungsfähig sein. Gegner Hemme bereitet sich auf einen "Schlagabtausch" vor - notfalls auch mithilfe juristischer Schritte, sagt er. dpa

Zum Thema: In Deutschland soll 2015 die erste dringend benötigte Nord-Süd-Stromautobahn ausgebaut sein. Dann könnte eine 380 000 Kilovoltleitung zusätzlichen Strom von Windanlagen in der Nordsee bis in die großen Verbrauchszentren in den Süden transportieren. Die Trasse der Netzgesellschaft Tennet ist aber nur eine von vielen.Die Ausbaustufe der neuen, westlichen Trasse verläuft von Ostfriesland bis Koblenz am Rhein. Von dort aus führen bereits zwei Höchstspannungsleitungen tiefer in den Süden ins Rhein-Main-Gebiet mit Großabnehmern wie BASF und weiter nach Baden-Württemberg zu den Autoindustrien.In der Planung ist der Ausbau einer weiteren Verbindung rund 100 Kilometer weiter östlich. Sie führt an Bremen vorbei nach Nordrhein-Westfalen und läuft dann durch das Ruhrgebiet Richtung Frankfurt/Main. Die Fertigstellung erwartet Netzbetreiber Amprion etwa 2020. Im nächsten Jahrzehnt wollen sie drei weitere Stromautobahnen bauen, zwei in Nord-Süd-Richtung, eine von Ost nach West. Im Osten will 50 Hertz bis 2020 noch eine Lücke im Ost-West-Netz schließen. Eine 210 Kilometer lange Leitung soll von Sachsen-Anhalt über Thüringen nach Bayern führen. dpa/sm