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| 09:09 Uhr

Düsseldorf
Krankenkassen kritisieren Igel-Angebot

Düsseldorf. Der Medizinische Dienst der gesetzlichen Krankenversicherungen hält manche Maßnahme gar für schädlich. Ärzte weisen die Kritik zurück und verlangen, die Kassen sollten die Wirksamkeit von Homöopathie untersuchen lassen. Susanne Hamann und Maximilian Plück

Der Medizinische Dienst der gesetzlichen Krankenversicherungen hält manche Maßnahme gar für schädlich. Ärzte weisen die Kritik zurück und verlangen, die Kassen sollten die Wirksamkeit von Homöopathie untersuchen lassen.

Jeder zweite Patient bekommt beim Arztbesuch individuelle Gesundheitsleistungen angeboten (Igel), für die er privat bezahlen muss. Das belegt eine Studie des Marktforschungsinstituts Aserto, die der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) in Auftrag gegeben hat. Nach Einschätzung der Experten sind die Leistungen jedoch oft nutzlos oder können den Patienten sogar schaden.

Die Kassenpatienten geben für Igel etwa eine Milliarde Euro im Jahr aus. Das Spektrum reicht von der professionellen Zahnreinigung über die Laserbehandlung von Krampfadern bis zu Reiseimpfungen. In der Rangfolge der am häufigsten angebotenen Maßnahmen landet die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung auf dem ersten Platz - eine Leistung übrigens, die der MDS als "tendenziell negativ" einstuft. Trotzdem wurde die Leistung jedem fünften Versicherten in den vergangenen drei Jahren angeboten. Eine solche alleinige Messung ohne eine Augenspiegelung werde vom Berufsverband sogar als Kunstfehler eingestuft, erläuterte der Medizinische Dienst.

Auf Platz zwei landet die Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung. Von dieser Leistung rät die Fachgesellschaft der Frauenärzte sogar ab. Frauen würden durch Fehlalarme unnötig beunruhigt, es könnten auch gesunde Eierstöcke entfernt werden. Peter Pick, Geschäftsführer des MDS, berichtete von einer Zuschrift einer 60-Jährigen, der - trotz entfernter Eierstöcke - eine Untersuchung als "trotzdem nötig" empfohlen worden sei.

Der Berufsverband der Frauenärzte kritisierte, die MDS-Bewertungen brächten moderne Leistungen in Misskredit und säten Misstrauen gegen Ärzte. So sei ein Ultraschall isoliert nur auf Eierstockkrebs nicht sinnvoll. Es könnten aber etwa Zysten, Flüssigkeitsansammlungen oder Wucherungen im Bereich von Gebärmutter, Harnblase und Eierstöcken erkannt werden.

"Unser Fazit ist: Die Igel-Angebote orientieren sich nicht am nachgewiesenen medizinischen Nutzen, sondern an den Vorlieben einzelner Arztgruppen und an den Umsatzinteressen der Praxen", sagte dagegen MDS-Geschäftsführer Pick. Darüber hinaus bemängelt der MDS, dass viele der Patienten zu den Angeboten gedrängt würden. So gab mehr als jeder dritte Patient an, dass er sich durch den Arzt bedrängt oder unter Druck gesetzt fühlte. Nur bei vier Prozent der erbrachten Igel ging die Initiative von Patienten aus.

Eher kritisch stuften die Medizinexperten der Kassen auch Angebote für Magnetresonanztomographien (MRT) zur Brustkrebs-Früherkennung ein. Für einen Nutzen gebe es keine Hinweise, durch Kontrastmittel aber mögliche Nebenwirkungen wie Übelkeit. In einer weiteren neuen Bewertung wird Osteopathie-Behandlungen bei Kreuzschmerzen ein unklarer Nutzen bescheinigt, Hinweise auf Schäden gab es nicht.

Laut der Versicherten-Umfrage geht die Initiative für Igel-Angebote überwiegend vom Arzt aus, nur selten gab es einen ausdrücklichen Patientenwunsch. Der Medizinische Dienst der Kassen machte deutlich, es gebe ein "großes Potenzial", Igel-Angebote vom Markt zu nehmen.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte strengere gesetzliche Vorgaben. "Was für Haustürgeschäfte gilt, muss auch für ärztliche Igel gelten", sagte Vorstand Eugen Brysch. Ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung kritisierte dagegen im Gespräch mit unserer Redaktion den Report als "alljährliches Ärzte-Bashing": "Mediziner sind keine Krämer. Es gibt allenfalls einige Ausnahme." Der Ärztevertreter forderte die Gesetzlichen Krankenversicherungen dazu auf, "die Krokodilstränen zu vergessen" und den MDS mit einer ebensolchen Anstrengung homöopathische Behandlungsmethoden untersuchen zu lassen, die von einigen Kassen übernommen würden und in keinerlei Studie bislang einen positiven Nutzen für den Patienten gezeigt hätten.