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Kraftwerk Turow ist in der Moderne angekommen

Viele Jahrzehnte lang galt das Gebiet zwischen Görlitz, Zittau und dem polnischen Bogatynia (Reichenau) „als schwarzes Dreieck“ an der Neiße. Drei Braunkohlekraftwerke – in Hagenwerder und Hirschfelde auf der deutschen sowie in Turow auf der polnischen Seite – sorgten für erhebliche Umweltbelastungen. Noch 1997 berichteten Zeitungen über Schnee, der durch die Emissionen des Kraftwerkes Turow gelb gefärbt war. Heute hat sich das Bild gewandelt. Von Uwe Menschner

Die Braunkohlekraftwerke Hagenwerder und Hirschfelde sind längst abgeschaltet - ersteres stellte 1997, letzteres bereits 1992 den Betrieb ein. Auch der polnische Energieerzeuger Turow ist längst in der Moderne angekommen - in der Zeit der EU-Normen und strengen Umweltauflagen. „Von 1995 bis 2004 fand eine umfassende Modernisierung statt, sechs Blöcke unseres Kraftwerkes wurden komplett erneuert“ , berichtet der leitende Ingenieur Jan Wy szynski.

1,35 Milliarden Euro Investitionen
Drei verbliebene ältere Blöcke werden bis 2012 abgeschaltet und durch einen neuen Block ersetzt. Insgesamt 1,35 Milliarden Euro kostet die Modernisierung. Die installierte Leistung des Braunkohlekraftwerkes Turow beträgt 2106 Megawatt - zum Vergleich: Boxberg erreicht derzeit 1900, Schwarze Pumpe 1600 Megawatt. Im Jahr 2005 erzeugte Turow 13,5 Millionen Megawattstunden Energie. „Damit trug das Kraftwerk etwa acht Prozent zum Gesamtstromaufkommen in Polen bei, die Unternehmensgruppe Bot, zu der neben Turow noch die Kraftwerke Belchatow und Opole gehören, bringen insgesamt 30 Prozent“ , erklärt Jan Wyszynski.
Der in Turow erzeugte Strom spielt auch in den Zukunftsplanungen eine wichtige Rolle: Die im dortigen Abbaufeld lagernde Kohle reicht nach neuesten Schätzungen bis 2040. „Derzeit fördern wir auf 20 Quadratkilometern, die Gesamtfläche des Kohlefeldes beläuft sich auf zirka 75 Quadratkilometer“ , berichtet Umweltinspektorin Anna Pyka.
Wurden in den letzten Jahrzehnten die abgebaggerten Erdmassen zu einer riesigen Halde aufgetürmt, die bis zu 450 Meter über dem Meeresspiegel reicht, werde der Abraum nunmehr in der Grube selbst verfüllt. „Wir beginnen auch, wie schon auf den älteren Halden, mit der Bepflanzung“ , erklärt die Umweltexpertin des Kraftwerkes Turow. Ziel sei es, dass die durch den Kohleabbau entstandene „Gebirgslandschaft“ nicht mehr künstlich aussieht.
Letztlich soll - ebenso wie es in der Lausitzer Bergbaufolgelandschaft schon gang und gäbe ist - ein großer See entstehen, der künftige Generationen kaum noch daran erinnert, welche „Mondlandschaft“ sich hier einst erstreckte. „Dies wird allerdings erst in 40 Jahren passieren“ , dämpft Anna Pyka allzu ungeduldige Erwartungen.

Von der Maloche zur Kopfarbeit
Bis dahin werden das Kraftwerk und der Tagebau Turow die bestimmenden Wirtschaftsfaktoren im „Reichenauer Zipfel“ - dem schmalen polnischen Streifen zwischen der Neiße und der tschechischen Grenze im Osten - bleiben. „Derzeit stehen im Kraftwerk 1800 Beschäftigte in Lohn und Brot“ , sagt Jan Wyszynski. Vor zehn Jahren waren es noch knapp 8000 gewesen. Bei den verbliebenen Beschäftigten sei der Anteil von Hochschulabsolventen kontinuierlich auf jetzt 26 Prozent angestiegen - ein Zeichen dafür, dass sich der Charakter der Arbeit von der früheren Maloche hin zur Kopfarbeit am Computer wandelt.
Ein Blick in die Turbinenhalle oder in die Leitwarte offenbart keinerlei Unterschied zum Standard in Boxberg oder Schwarze Pumpe. Der Weg über das Kraftwerksgelände ist mit Hightech-Sicherheitssystemen gespickt. „Und auch am Problem der nächtlichen Lärmbelastungen, die in Hirschfelde wahrnehmbar sind, arbeiten wir intensiv“ , versichert Anna Pyka.