Von Jan Siegel

Betrachtet man allein die aktuellen Statistikzahlen, die aus den knapp 10 000 Handwerksbetrieben in Südbrandenburg zwischen Spremberg und Königs Wusterhausen gemeldet werden, müsste eine Welle der guten Laune durch die Handwerkerschaft der Region schwappen. Viele Betriebe melden volle Auftragsbücher und haben ihre Geschäfte in den zurückliegenden Monaten weiter ausbauen können. Trotzdem will eine echte Hochstimmung nicht so recht aufkommen. Das zeigt die am Dienstag vorgestellte Herbstumfrage der Handwerkskammer Cottbus. Die ist zwar nur eine statistische Momentaufnahme, spiegelt aber trotz aller Unschärfen offenbar vor allem auch eine Gefühlslage wider.

Die Statistiker der Kammer hatten in den zurückliegenden Wochen an immerhin 1800 Handwerksbetriebe ihre standardisierten Umfragebögen verschickt. Geantwortet haben allerdings gerade einmal 250. Vielen Adressaten war der Aufwand offenbar zu groß – zu viel Arbeit, wenig Zeit.

Viel Arbeit, wenig Leute

Die Zahlen des jetzt vorgelegten Konjunkturberichts zeichnen trotzdem ein eindrucksvolles Bild darüber, dass es im Südbrandenburger Handwerk derzeit ordentlich brummt. Fast 96 Prozent der Betriebe, die sich an der Umfrage beteiligt haben, bewerten ihre aktuelle Geschäftslage schließlich als gut oder zufriedenstellend. „Treiber dabei sind auch diesmal das Bauhaupt- und Ausbaugewerbe, die von der nach wie vor enormen Nachfrage beim Wohnungs- und Gewerbebau profitieren“, sagt Manja Bonin, die bei der Handwerkskammer zuständige Geschäftsführerin der Abteilung Wirtschaftsförderung und Fachkräftesicherung.

Dafür, dass in den Südbrandenburger Handwerksbetrieben trotzdem nicht häufiger die sprichwörtlichen Sektkorken knallen, gibt es aber zwei entscheidende Gründe.

Da ist auf der einen Seite der seit Jahren drohende und inzwischen faktische Mangel an Fachkräften, der die Handwerker immer mehr unter Druck setzt. Was die HWK-Statistiker in ihrem Bericht mit der Kategorie „Auftragsreichweite“ verklausulieren, das kommt bei Kunden und Auftraggebern schlicht als „Wartezeit“ an, ehe ein Auftrag erledigt werden kann. Noch vor zwölf Monaten lag diese „Wartezeit“ in Südbrandenburg im Gesamthandwerk statistisch bei 8,3 Wochen. Inzwischen ist dieser Wert in der Region bereits auf mehr als zehn Wochen geklettert. Regelrecht besorgniserregend sind die Zahlen bei größeren Betrieben im handwerklichen Bereich mit mehr als 50 Beschäftigten. Dort liegt die „Auftragsreichweite“ nach Angaben der Statistiker bei 25 Wochen, das ist nahezu ein halbes Jahr.

Warum das Handwerk die Industrie braucht

Wer eine Beschäftigung im Handwerk sucht, hat so gute Chancen wie nie. Die Zahl der offenen Stellen über alle Branchen im Handwerk der Region liegt bei statistischen 3,5 unbesetzten Arbeitsplätzen pro Betrieb. Vor einem Jahr hatten noch elf Prozent der Handwerksbetriebe in Südbrandenburg gehofft, ihren Personalstamm verstärken zu können. Inzwischen sind es nur noch 6,1 von hundert Firmen, die mit personeller Verstärkung rechnen. Die meisten kämpfen schon, um den Status quo halten zu können.

Ein zweiter entscheidender Aspekt für den gedämpften Zukunftsoptimismus vor allem bei der Handwerkerschaft in der Lausitz sind Unsicherheiten bei der Entwicklung der wirtschaftlichen Gesamtlage in der Region. „Wenn ein Kraftwerksblock in Jänschwalde stillgelegt werden muss und ein Tagebau angehalten wird, dann spüren unsere Handwerker zeitnah, dass Hunderte bisher gut bezahlte Mitarbeiter davon betroffen sind“, sagt Knut Deutscher, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Cottbus. „Das sind unsere Kunden, deren Kaufkraft mittelfristig zu sinken droht.“ Ersatz für solche wertschöpfenden Arbeitsplätze sei in der Region bisher kaum in Sicht. Knut Deutscher registriert in Sachen Zukunftsoptimismus daher auch einen signifikanten Unterschied zwischen den Regionen, obwohl die offizielle HWK-Statistik nicht unterscheidet zwischen Firmen in der Lausitz und denen im Berliner Speckgürtel. „Kohleausstieg und Strukturwandel interessieren unsere Mitgliedsbetriebe schon nördlich des Spreewald-Dreiecks gar nicht“, sagt Knut Deutscher. Das zeige deutlich, wie wichtig es ist, alle Kräfte in der Lausitz zu bündeln, um in Berlin gehört zu werden, wo in diesen Wochen die wirtschaftlichen Weichen fürs Revier gestellt würden.