ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:50 Uhr

Kohleausstieg
„Die Lausitz ist mehr als Wirtschaft und Forschung“

 Die Ideen zum „Fonds Zivilgesellschaft Lausitz“ wurden in der Cottbuser Oberkirche vorgestellt.
Die Ideen zum „Fonds Zivilgesellschaft Lausitz“ wurden in der Cottbuser Oberkirche vorgestellt. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Ein neuer Fonds soll die Zivilgesellschaft in der Region stärken – mit knapp zwei Milliarden Euro. Von Andrea Hilscher

Nicht kleckern, sondern klotzen: Die Evangelische Kirche und der Verein „Lausitzer Perspektiven“ wollen mit einem „Fonds Zivilgesellschaft Lausitz“ das bürgerschaftliche Engagement in der Region stärken. Dafür fordern sie zehn Prozent der Strukturhilfen, die der Bund zur Abfederung des Kohleausstiegs in die Lausitz pumpen will. Am Montag wurde der Plan in Cottbus und Berlin vorgestellt.

Ulrike Menzel, Superintendentin in Cottbus, erklärt die im Grunde genommen simple Idee. Sie sagt: „Die Lausitz ist mehr als nur Wirtschaft, Forschung, Infrastruktur. Wir haben nach der Wende gesehen, dass es nicht reicht, einfach nur Geld in riesige Projekte zu geben.“ Wenn der Strukturwandel gelingen solle, so müsse man die Menschen mitnehmen und genau das unterstützen, was ihnen am Herzen liegt. Genau dafür soll ein Teil des Geldes verwendet werden, das der Bund der Lausitz versprochen hat. Zehn Prozent sollten es schon sein, so der Plan.

Burkhard Behr ist Leiter des Zentrums für Dialog und Wandel, das die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ins Leben gerufen hat, um den Strukturwandel zu begleiten. Behr ist einer der Ideengeber für den neu zu schaffenden Fonds, der die Lausitz voranbringen soll.

„Mit dem Geld könnte man lokale Vereine, Bürgerprojekte und gemeinnützige Unternehmen unterstützen“, so der Pfarrer. Derartiges Engagement müsse ergänzen, was der Bau neuer Bahnlinien oder Förderprogramme für Unternehmen allein nicht bewirken können. Wenn es gelänge, durch Unterstützung kleiner zivilgesellschaftlicher Vorhaben die Lebensqualität in den Dörfern und Städten der Region zu verbessern, bliebe die Region als Wohnstandort attraktiv, zugleich könne man einer Radikalisierung und populistischen Parteien entgegenwirken.

Das derartige Ideen durchaus funktionieren können, zeigt ein anderes Beispiel aus der Lausitz. Vor elf Jahren gründete sich im Spree-Neiße-Kreis die Teichland-Stiftung mit dem Ziel, üppig sprudelnde Steuereinnahmen langfristig anzulegen und sinnvoll zu nutzen. Insgesamt 1,2 Millionen Euro hat die einst belächelte Stiftung inzwischen ausgereicht. Mit dem Geld werden sorbisch/wendische Dorffeste finanziert, Sportvereine können sich neue Trikots kaufen, die Peitzer Tafel ihre Lebensmitteltransporte absichern. 750 Projekte konnte die Stiftung in Cottbus und Spree-Neiße unterstützen, kleinere Vereine wären ohne dieses Geld schon längst nicht mehr lebensfähig.

„So ähnlich könnte unser Fonds auch funktionieren“, sagt Burkhard Behr. Nur eben größer, irgendwie. Denn wenn es den Initiatoren tatsächlich gelingt, sich mit ihrer Idee durchzusetzen, dann könnte ihr Fonds in den kommenden Jahrzehnten knapp zwei Milliarden Euro ausreichen.

Trotz der immensen Summe soll der Fond nicht mit aufwendige Strukturen verwaltet werden. Gedacht ist an fünf bis zehn Regionalbüros in der Lausitz und Ausstellungsräume in Berlin und Brüssel zur regionalen Darstellung. Burkhard Behr: „Wir wollen keinen Wasserkopf, das Geld soll möglichst direkt in die Projekte fließen.“ Dazu sollen Kontrollmöglichkeiten installiert werden, ebenso wichtig ist ein definiertes Ende der Fondsarbeit. „Sonst ufern solche Strukturen aus und verselbstständigen sich irgendwann.“

Partnerin der Fonds-Idee ist auch Dagmar Schmidt vom Verein „Lausitzer Perspektiven“, der sich als „unabhängiger Think Tank und Bürgerplattform“ versteht. „Kommunalpolitische Strukturen sind schwach und ausgezehrt, können vielen Aufgaben nicht mehr so gerecht werden, dass die Menschen sich aufgehoben fühlen“, sagt Dagmar Schmidt. Den Ängsten vor wirtschaftlichem Niedergang wolle man nun etwas entgegensetzen. „Der Fonds soll Mutmacher fördern, Eigeninitiative unterstützen und diejenigen stärken, die sich für das Gemeinwohl einsetzen.“

Auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sieht eine Stärkung der Zivilgesellschaft in der Lausitz als zentrales Element für das Gelingen des Strukturwandels. „Die Menschen in der Lausitz wollen nicht das Opfer von Fremdentscheidungen sein sondern aktiv mitentscheiden über ihre Zukunft“, so eine Stellungnahme des Instituts.

In zwei Wochen fahren die Initiatoren der Fonds-Idee ins Rheinische Revier, um sich mit den Akteuren dort auszutauschen. „Ich habe das Gefühl, dort gibt es schon sehr viel mehr Erfahrungen mit Stiftungen und ähnlichen Projekten“, sagt Burkhard Behr. Auch im Bundestag soll die Idee zeitnah vorgestellt werden. „Wir sehen gute Chancen auf eine Umsetzung“, sagen die Vertreter von Verein und Kirche. Momentan sei genau der richtige Zeitpunkt dafür.