Damit hatten die größten Pessimisten nicht gerechnet: Wegen der anhaltend miesen Wirtschaftslage schoss die Zahl der Arbeitslosen im Januar über die Marke von 4,6 Millionen. Ein ähnlich dramatischer Anstieg war zuletzt vor fünf Jahren gemessen worden. Zugleich markieren die erschreckenden Daten den dritthöchsten Zuwachs - plus 398 000 - innerhalb eines Monates seit der Wiedervereinigung.
Keine Hoffnung, nirgends. Selbst in den vergleichsweise krisenfesten Ländern Baden-Württemberg (Arbeitslosenquote: 6,3 Prozent) und Bayern (7,8) nehmen die Entlassungen bedrohliche Ausmaße an. Mit 16,9 Prozent registrierte der Freistaat den stärksten Anstieg aller Länder. Trauriger Spitzenreiter ist Mecklenburg-Vorpommern mit einer Quote von 21,7 Prozent.
Ein Regierungssprecher suchte seine Ratlosigkeit mit bekannten Floskeln zu überspielen: Die Situation sei "sicher nicht gut". Sie belege aber die Notwendigkeit der geplanten Strukturreformen am Arbeitsmarkt und in den Sozialsystemen.
Die Reaktionen der Opposition kamen einer politischen Hinrichtung für die Koalition gleich. FDP-Chef Guido Westerwelle sah in den Horror-Zahlen "eine Katastrophe für dieses Land". Für CSU-Landesgruppenchef Michael Glos sind sie "das Ergebnis des wirtschaftspolitischen Versagens von Rot-Grün". Zugleich intonierte die Opposition aber die süße Melodie der Kooperation. So versicherte die CDU-Vorsitzende Angela Merkel: Falls die Bundesregierung einen "nationalen Kraftakt wagt, werden wir uns zum Wohle der Menschen nicht verschließen".
Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) scheint sich jedoch einstweilen um das Wohl der Arbeitslosenstatistik zu kümmern. Zeitgleich mit den Hiobsbotschaften aus Nürnberg ließ der Chef-Reformer des Kanzlers bestätigen, dass die monatliche Datenerhebung spätestens ab 2004 auf EU-Standard umgestellt werden soll. Damit finden künftig nur jene Arbeitslosen in der Statistik Platz, die tatsächlich vermittelt werden wollen. Durch solche Maßnahmen könnte die Arbeitslosenquote mit einem Schlag um zwei Prozent gesenkt werden - zumindest auf dem Papier.
"Die Statistik-Tricksereien sind ein dreister Täuschungsversuch", empörte sich FDP-Vize Rainer Brüderle. Der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) warf der Bundesregierung vor, "durch Statistik-Manipulation, die sich weiter verschlechternde Lage auf dem Arbeitsmarkt zu verschleiern".
Nein, die Bundesregierung hat sich damit keinen Gefallen getan. Und neben den Oppositionsparteien verstärken auch die Gewerkschaften den Druck auf Schröder & Co. Stein des Anstoßes sind die jüngsten Überlegungen des Kanzlers zum Kündigungsschutz: "Wenn die Arbeitgeber bereit sind zu garantieren, dass es zusätzliche Einstellungen in erheblichem Maße gibt, dann muss man über die Flexibilisierung auch dieses Bereichs reden", hatte Schröder im ZDF erklärt. Das Echo aus dem DGB war verheerend. "Solch einen Kuhhandel wird es mit uns nicht geben", polterte IG-Metallchef Klaus Zwickel. "Die Gewerkschaften verhandeln nicht mit Herrn Schröder über eine wie auch immer geartete Aufweichung des Kündigungsschutzes", fauchte DGB-Vize Ursula Engelen-Kefer. Selbst das Arbeitgeberlager zeigte dem Kanzler die kalte Schulter. &bdquo ;Zahlenmäßige Vorhersagen helfen nicht weiter", sagte eine BDA-Sprecherin der RUNDSCHAU. Gefragt sei vielmehr ein wirtschaftspolitisches Gesamtkonzept.
Spätestens seit der jüngsten dramatischen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist es einsam um Rot-Grün geworden. Und es könnte noch schlimmer kommen. Galt noch vor kurzem die Vier vor dem Komma als psychologische "Auffanglinie", so spricht der Chef der Bundesanstalt, Florian Gerster, bereits vom nächsten Tiefschlag: "Die Fünf-Millionen-Grenze dürfte mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht erreicht werden."