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Kamenzer Werk liefert künftig große statt kleine Batterien

Kleine Polymer-Lithium-Batterien für Notebooks und Handys haben Kamenz kein Glück gebracht. Der Hersteller Ionity AG musste Anfang November 2004 Insolvenz anmelden. Die SK-Firmengruppe aus dem sauerländischen Neuenrade als neuer Eigentümer des Werkes wird die Lithium-Technologie für große Batterien nutzen. Ihre neu gegründete Tochter Li-Tec GmbH montiert die Energiespender künftig in der Kamenzer Fabrik. Dabei kooperiert Li-Tec mit dem Spezialchemiekonzern Degussa, der innerhalb des Werkes auf eigenen Maschinen produzieren und Li-Tec beliefern wird. Von Rolf Bartonek

Gestern hat der für die Umstellung von klein auf groß notwendige vollständige Umbau der Maschinen und Anlagen begonnen. Hans-Jürgen Nettelnbreker, bei Degussa verantwortlich für den Aufbau dieser neuen Elektrodenproduktion, sagte der RUNDSCHAU, dass mit einem Start der Produktion im vierten Quartal zu rechnen sei. Aber schon vorher werde das Werk Batte- rien montieren, erklärte Dieter Teckhaus, der in der SK-Gruppe für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder verantwortlich ist. Die Einzelteile dafür würden angeliefert.

Später einmal über 60 Mitarbeiter
Das neue Werk unter altem Dach wird hoch automatisiert sein. Es soll im Endausbau einmal über 60 Mitarbeiter haben. Wann das ist, das macht Teckhaus von der Marktlage abhängig. Das könne in zwei Jahren der Fall sein oder auch erst in fünf. Über den Kaufpreis will sich Teckhaus nicht äußern. „Wichtiger als der Kaufpreis ist doch, dass man uns zutraut, das hier zu stemmen.“ Auf Nachfrage fügt er hinzu, die zu tätigenden Investitionen würden im niedrigen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich liegen.
Die Umstellung des Werkes auf großvolumige Batterien begründet Teckhaus mit dem Abwandern großer Teile der europäischen Notebook- und Handy-Produktion nach Asien. Degussa selbst betreibt in China laut Nettelnbreker bereits ein Gemeinschaftsunternehmen zur Herstellung von Batteriekomponenten.
In Europa könnte sich aber der Markt für großvolumige Lithium-Ionen-Batterien entwickeln. So ist aus der Autoindustrie bekannt, dass sie nach Energiespendern mit besonders hoher Leistungsdichte sucht. Das hängt beispielsweise mit der Entwicklung von Hybridantrieben (Kombination aus Verbrennungs- und Elektromotor) zusammen.
Die Degussa selbst ist gar kein Batteriehersteller. Vielmehr liefert der Konzern an Batterieproduzenten Elektroden (Kathoden und Anoden), Seperatoren und Elektrolyte. In Kamenz hat die Degussa deshalb aus der Konkursmasse umzubauende Maschinen erworben, um mit diesen künftig Elektroden und Seperatoren herzustellen. Der Kunde Li-Tec, der die Teile zu Batterien komplettiert, montiert und mit Aluminiumfolie ummantelt, werde praktisch „über den Zaun“ beliefert, sagt Nettelnbreker. Solche Konstellationen seien nicht ungewöhnlich und ökonomisch äußerst sinnvoll.
Teckhaus erklärt, es gehe nicht um den Ersatz gewöhnlicher Blei-Starterbatterien für Verbrennungsmotoren. Als vorerst wichtigste Einsatzziele nennt er Elektrorollstühle, Golftrollys, Medizintechnik, Speicher für Windkraftanlagen und Systeme zur Gewährleistung einer unterbrechungsfreien Stromversorgung bei Störfällen beispielsweise im Telekommunikationsbereich.
Die Batterien bestehen im Prinzip aus beschichteten Folien. Eine Folien-Kathode und eine Folien-Anode, getrennt durch einen hauchdünnen Keramikseperator, bilden unter Hinzugabe eines Elektrolyten eine Zelle. Jeweils viele dieser Zellen werden zu einer Batterie „gestapelt“ und mit Alufolie eingehaust.

Neues Feld für die SK-Gruppe
Für die SK-Firmengruppe der sauerländischen Unternehmerfamilie Maiworm ist die Batterieherstellung ein neues Geschäftsfeld. Die Buchstaben SK sind abgeleitet von den Wörtern „Sauerland Kunststoffe“ . Die Gruppe besitzt bereits drei Werke in Neuenrade, Osterhout (Niederlande) und Ottendorf-Okrilla bei Dresden mit zusammen 120 Beschäftigten. Sie befasst sich heute vor allem mit dem Beschichten und Bedrucken analoger sowie digitaler Speichermedien. Das sind Videobänder, CD und DVD.

Hintergrund Vorgeschichte
 2002 begann die Ionity AG in Kamenz mit der Produktion von Lithium-Polymer-Batterien. Anfang November 2004 meldete sie Insolvenz an. Alle 90 Mitarbeiter wurden entlassen. Die Firma soll auch durch den Unfalltod eines arabischen Hauptaktionärs ins Straucheln gekommen sein. Im Januar 2005 trat ein Interessent aus Singapur vom Kaufvertrag zurück.