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| 11:47 Uhr

Interview
„Subventionen für einzelne Firmen halte ich für falsch“

 Prof. Reint E. Gropp, Präsident des Liepniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle  Foto: dpa
Prof. Reint E. Gropp, Präsident des Liepniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle Foto: dpa FOTO: dpa / Hendrik Schmidt
Halle. Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) Prof. Reint E. Gropp vertritt in der Volkswirtschaftslehre drastische Positionen. Im RUNDSCHAU-Interview macht der deutlich, dass er die Lausitz trotz Kohleausstiegs wirtschaftlich sich selbst überlassen würde. Von Jan Siegel

Seit Monaten sorgt der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle Prof. Reint E. Gropp mit seinen Thesen zur Strukturförderung in Deutschland für Frust und heftige Reaktionen gerade in Ostdeutschland. Er hält die boomenden Metropolen für zukunftsfähig. Deshalb müsse dort kräftig investiert werden. Regionen wie die Lausitz sind seiner Meinung nach „zu weit weg“. Subventionen für einzelne Unternehmen sind für Gropp eine entscheidende Ursache für die immer noch bestehende Produktivitätslücke zwischen Ost- und Westdeutschland. Die Politik habe den Firmen viel Geld gezahlt, damit sie Arbeitsplätze schafften und hielten. Doch das führe eben auch dazu, dass Betriebe mehr Mitarbeiter beschäftigten, als sie brauchten, hat der Professor aus Halle dem Magazin „Wirtschaftswoche“ gerade gesagt. Und er verteidigt seine Auffassungen auch vehement im RUNDSCHAU-Interview.

Sind die von Ihnen erwähnten wachsenden Probleme in den Metropolen nicht gerade eine Chance für die erweiterten Regionen im Umfeld? Mit einer leistungsfähigen Schiene lägen zwischen Cottbus und Berlin gerade einmal 45 Minuten.

Reint Gropp: Grundsätzlich auf jeden Fall. Wenn ich urbane Räume sage, meine ich eben genau auch das Umland der Städte und nicht nur die Städte selbst. In dem konkreten Fall allerdings wäre ich doch skeptisch, dass das ausreichend nah ist. Zum Pendeln sind nach allgemeiner Meinung ein hoher Takt - das heißt 15 Minuten - und höchstens 30 Minuten Fahrzeit notwendig. Gleichzeitig gibt es noch immer genug kostengünstige Gemeinden mit niedrigen Mieten, die viel näher an Berlin liegen. Ich würde also sagen, das wird nicht funktionieren.

Handelt es sich gerade bei der Verkehrs-Infrastruktur, also Straßen und Schienenverbindungen, nicht um ein klassisches Henne-Ei-Problem? Ohne Autobahn und Bahn-Terminals winken Investoren gab ab. Ein Ausbau der Strecken lohnt sich aber angeblich ökonomisch nur, wenn es bereits einen starken Bedarf gibt.

Gropp: Vielleicht in einer wachsenden Gesellschaft, aber nicht vor dem demographischen Hintergrund in Ostdeutschland. Wir haben es ohnehin mit einer schrumpfenden Bevölkerung zu tun, die gleichzeitig aus vielen Gründen in die Städte zieht. Diese Trends können Sie mit noch so viel Subventionen nicht aufhalten. Es besteht eher die Gefahr von „weißen Elefanten“, also Infrastruktur, die niemand nutzt. Wenn man noch bedenkt, dass jeder Euro eben nur einmal ausgegeben werden kann, fehlt es am Ende dort, wo wirklich Bedarf ist.

Sie sprechen sich beispielsweise gegen 5-G-Anbindungen „an jeder Milchkanne“ aus. Wenn man die Provinz aber in dieser Frage der Digitalisierung abhängt, besteht aus Ihrer Sicht dann aber nicht die Gefahr, dass Innovationen wie beispielsweise das autonome Fahren grundsätzlich nicht realisierbar sind?

Gropp: Ja, auf dem Lande in absehbarer Zeit sicherlich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll.

Ist der Rückgang der Zahl der Hochschulabsolventen in Ostdeutschland nicht auch darauf zurückzuführen, dass es die meisten Abiturienten seit fast drei Jahrzehnten Richtung Westen zieht? Ist der Wegzug wirklich das Problem, nicht vielmehr die ausbleibende Rückkehr? Gerade im Osten fehlen bis heute ausreichend gut bezahlte Jobs.

Gropp: Der Wegzug ist schon ein Problem. Die ostdeutschen Städte sind für High Potentials – und das schließt Hochschulabsolventen ein – nicht attraktiv genug.

Der notwendige Kohleausstieg ist konkret für die Lausitz eine politisch initiierte und signifikante Deindustrialisierung. Halten Sie auch dort Subventionen für ansiedlungswillige Firmen für grundsätzlich falsch?

Gropp: Ich halte Subventionen an einzelne Unternehmen grundsätzlich für falsch. Nachhaltige Strukturen entstehen so nicht. Dafür gibt es viele Beispiele, etwa das gescheiterte Solar Valley in Bitterfeld. Wir können träumen und hoffen, aber ich finde es wichtig, die Realität nicht aus den Augen zu verlieren.