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| 08:14 Uhr

Düsseldorf
Ist Ausbildung Ausbeutung?

Düsseldorf. Angesichts der Pläne der Bundesregierung ist die Diskussion um eine Mindestausbildungsvergütung voll entbrannt. Die Arbeitgeber lehnen diese ab und sehen darin eine Einmischung in die Tarifautonomie. Maximilian Plück

Die duale Ausbildung ist ein Aushängeschild der Deutschen. Selbst US-Präsident Donald Trump ist bekennender Fan des Systems, lobte vor einem Jahr bei einem Besuch der Kanzlerin die berufliche Bildung hierzulande. Doch allen Lobeshymnen zum Trotz - das System hat Mängel. Beispiel: Vergütung. Vor allem in den Ballungsgebieten fällt es jungen Menschen in einigen Branchen schwer, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Deshalb sieht der Koalitionsvertrag vor, dass ab 2020 eine Mindestvergütung für Lehrlinge in Kraft tritt.

Die Arbeitgeber lehnen die Pläne ab: "Eine Mindestausbildungsvergütung ist weder sachgerecht noch notwendig", sagte Tanja Nackmayr, Geschäftsführerin Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik beim Arbeitgeberverband Unternehmer NRW, unserer Redaktion. "2017 betrug die durchschnittliche Ausbildungsvergütung 876 Euro pro Monat. Gut die Hälfte der Auszubildenden bekommt eine Vergütung von 750 bis 1000 Euro, weitere 26 Prozent erhalten sogar 1000 Euro oder mehr."

Die Arbeitgebervertreterin weist zudem darauf hin, dass es sich bei der Ausbildungsvergütung nicht um Lohn oder Gehalt handle, sondern um einen Zuschuss zum Lebensunterhalt. "Dies entspricht auch dem Sinn und Zweck einer Ausbildung.Schließlich steht hier das Lernen im Vordergrund, das sich der Ausbildungsbetrieb auch über die Ausbildungsvergütung hinaus einiges kosten lässt - etwa für das Ausbildungspersonal, eine Ausbildungswerkstatt und -materialien", sagt Nackmayr.

Doch gerade die Arbeitsmittel können sich nach Ansicht von Eric Schley, Bezirksjugendsekretär beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) NRW, für die Azubis zur Kostenfalle entwickeln: "Köche werden oft dazu angehalten, dass sie ihre eigenen Messer besitzen, bei Friseuren sind es die Scheren." Der Gesetzgeber gebe zwar klar vor, dass Arbeitsmittel Sache des Ausbildungsbetriebes seien, aber vielfach werde den Azubis suggeriert, dass sie ihre eigenen Scheren oder Messer mitbringen müssten. "Einige Betriebe schießen den Jugendlichen zwar das Geld vor. Wenn der Betrag dann aber anteilig von der Ausbildungsvergütung einbehalten wird, verschärft das die ohnehin schon angespannte Situation", so Schley.

Der DGB NRW hat die Azubis auch zu ihrer Lebens- und Wohnsituation befragt: "Rund drei Viertel gaben dabei an, noch bei den Eltern zu wohnen, davon wiederum die Hälfte erklärte dies mit ihrer finanziellen Situation", sagt Schley. Ein Drittel aller befragten Auszubildenden sagte, sie seien auf die finanzielle Unterstützung aus dem Elternhaus angewiesen.

Ein zentraler Kostenfaktor für die Azubis sei die Mobilität. "Es ist zwar gut, dass es beispielsweise in den Verkehrsverbünden Rhein-Ruhr und Rhein-Sieg inzwischen Azubi-Tickets zum Preis von 59 Euro gibt, allerdings gelten diese nur verbundweit", so Schley. Wer von Köln nach Düsseldorf pendeln müsse, der liege schon bei 118 Euro im Monat.

Der DGB fordert deshalb die schnelle Umsetzung des im Koalitionsvertrag festgelegten landesweit gültigen Azubi-Tickets. "Wir verlangen, dass dieses analog zu den Semestertickets der Studenten 30 Euro im Monat kostet." Schließlich seien die um Fachkräfte ringenden Firmen auf mobile Azubis angewiesen, sagte der DGB-Bezirksjugendsekretär.

Unterm Strich verlangt Arbeitgebervertreterin Nackmayr eine maßvolle Gestaltung der Ausbildungsvergütung. Und diese müsse auch weiterhin Sache der Tarifparteien sein, denn sie könnten austarieren, was jeweils sinnvoll und angemessen sei. "Wer bei der Ausbildungsvergütung mit gesetzlichen Vorgaben eingreift, beschädigt die Tarifautonomie", so die Geschäftsführerin von Unternehmer NRW.