384 Sparkassen gibt es in Deutschland. Nähe zum Kunden und Kenntnis der spezifischen Region ist für den Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Helmut Schleweis ein wichtiges Erfolgskriterium. Die RUNDSCHAU sprach mit ihm über Bankenstrukturen, Fusionspläne und Ärger über ausbleibende Zinsen.

Herr Schleweis, die Fusion der Deutschen Bank mit der Commerzbank ist gescheitert. Ist das gut für die Sparkassen?

Helmut Schleweis Die Kreditwirtschaft ist weltweit in Bewegung. Die beiden Banken sind zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Fusion keinen Sinn macht. Das nehmen wir zur Kenntnis. Der deutsche Bankenmarkt ist von einem intensiven Wettbewerb geprägt, das ist gut für die Kunden. Die Sparkassen stellen sich diesem Wettbewerb in allen Regionen Deutschlands.

Braucht Deutschland eine große Bank, wie es oft heißt?

Schleweis Wir brauchen vor allem stabile Banken. Größe allein ist kein Wert an sich. Die Bankenstruktur muss die Wirtschaftsstruktur abbilden. Deutschland wird von kleinen und mittelständischen Betrieben getragen. Deswegen brauchen wir neben den Großbanken, die beispielsweise Partner der Großindustrie sind, eben auch Kreditinstitute, die auf ihre jeweilige Region ausgerichtet sind. Deutschland ist mit der dreisäuligen Struktur aus Privatbanken, genossenschaftlichen Instituten und öffentlich-rechtlichen Sparkassen sehr erfolgreich – ich sehe keinen Grund, daran etwas zu ändern.

An Fusionen denken Sie auch im eigenen Bereich. Sie sind angetreten, die sieben Landesbanken zu einer supergroßen Landesbank zu machen. Das stößt bei vielen auf wenig Begeisterung. Warum wäre es so wichtig?

Schleweis Das Ziel ist nicht eine supergroße Landesbank. Ich glaube, dass wir ein Sparkassen-Zentralinstitut brauchen, das auf die Bedürfnisse der Sparkassen und ihrer Kunden ausgerichtet ist, um die Gruppe insgesamt zukunftsfest zu halten. Dazu gehören Teile der Geschäfte, die derzeit mehrfach in unserer Gruppe angeboten werden.

Es gibt bundesweit noch 384 Sparkassen. Ist das zeitgemäß angesichts von Digitalisierung und der Konzentration der Menschen in Metropolregionen?

Schleweis Sparkassen bilden den jeweiligen Wirtschaftsraum ab, da ist die Größe des Instituts nicht entscheidend. Die Nähe zum Kunden und die Kenntnis der spezifischen Region muss vorhanden sein, dass macht Sparkassen so erfolgreich. Wenn Institute derzeit fusionieren müssen, geschieht das in aller Regel, weil die überbordende Regulierung für kleine Institute nicht mehr allein zu schaffen ist. Ich halte das für eine falsche Entwicklung. Als Fan kleinerer Einheiten begrüße ich es, wenn die Zahl der Sparkassen so groß wie möglich bleibt. Die Zahl der Sparkassen wird auch in Zukunft leicht zurückgehen, eine Fusionswelle sehe ich nicht.

Immer wieder schließen Filialen, weil sie sich durch Digitalisierung und Online-Banking nicht mehr rechnen. Wie viele gehen in den nächsten zehn Jahren noch verloren?

Schleweis Auch die Sparkassen müssen sich an wirtschaftliche und demografische Entwicklungen anpassen. Wo kein wirtschaftliches Leben mehr ist, wo Bäcker, Metzger und die örtliche Apotheke schließen, kann sich auf Dauer auch keine Sparkassen-Filiale mehr halten. Für solche Orte machen die Institute dann kreative Ersatzangebote. Wer sich die Zahlen der vergangenen Jahre genau anschaut, stellt fest, dass mehr Filialen in urbanen Regionen als auf dem flachen Land geschlossen wurden. Das heißt, Sparkassen bleiben natürlich überall in der Fläche präsent. Denn bei wichtigen Lebensentscheidungen erwarten die Kunden weiter eine kompetente Beratung. Und die bekommen sie bei ihrer Sparkasse.

Es gibt zunehmend Kunden, die glauben, ganz ohne Beratung auszukommen. Sie wählen deshalb eine Direktbank. Wird sich die Sparkassen-Gruppe eine eigene Direktbank zulegen?

Schleweis Es gibt in der Gruppe ja bereits verschiedene Angebote. Hier ein zentrales Angebot zu schaffen, ist für uns kein ganz neues Thema. Die Diskussion darüber ist aber noch nicht abgeschlossen. Eine Festlegung gibt es bisher nicht.

Aber das hat ja auch etwas mit der Attraktivität für junge Leute zu tun.

Schleweis Ich glaube schon, dass wir für junge Leute attraktiv sind. Wir haben laut Stiftung Warentest die beste Banking-App. Man kann die Sparkasse so nutzen, wie man möchte: klassisch in der Filiale, digital oder mobil mit dem Smartphone. Oder in einer selbst gewählten Mischung. Das Geschäftsmodell von Sparkassen bietet jedem, was er möchte.

Gerade bei Jüngeren sind neue Bezahlmethoden auf dem Vormarsch, auf dem Smartphone, auf der Computeruhr. Eine davon ist Apple Pay. Wann kann ich das auch als Sparkassenkunde nutzen?

Schleweis Bei aller deutschen Liebe zum Bargeld wollen immer mehr Bürger elektronische Verfahren nutzen, auch auf dem Smartphone. Und wir richten uns nach dem Kundenbedarf. Also sollen auch Sparkassen-Kunden mobil mit dem Smartphone bezahlen können, ob nun mit dem Betriebssystem Android oder mit Apples iOS. Für Android haben wir eine eigene App im Markt. Mit Apple sind wir derzeit in guten Gesprächen zu Apple Pay.

Ein zentrales Thema für Sparer ist, dass es faktisch keine Zinsen mehr gibt. Wie lange wird das noch so bleiben?

Schleweis Das ist ein bedauerlicher Zustand. Wir würden es deshalb begrüßen, wenn sich die Europäische Zentralbank bei diesem Thema bewegen würde. Nach derzeitiger Einschätzung ist das für dieses Jahr allerdings nicht mehr zu erwarten. Prognosen sagen, dass das frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2020 der Fall sein dürfte. Wir sorgen uns durchaus um die deutsche Sparkultur: Verlernen wir das Sparen? Deshalb versuchen wir, die Kunden an das Thema Wertpapiersparen heranzuführen. Wenn man im derzeitigen Zinsumfeld Vermögenszuwächse erzielen will, kommt man an der Börse nicht vorbei.

Und das ist den Sparkassen-Kunden zu vermitteln?

Schleweis Ja, natürlich. Obwohl Deutschland keine ausgeprägte Wertpapierkultur hat. Aber es ist eine Chance, vom geschäftlichen Erfolg von Unternehmen zu profitieren. Das wird zunehmend erkannt.

Mit Helmut Schleweis sprachen
Dieter Keller und Hajo Zenker