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| 18:41 Uhr

Interview mit Marcel Fratzscher
Die gleichen Probleme wie im Osten

  In Volkswagens Gläserner Manufaktur in Dresden gehören Roboter und Digitalisierung zum normalen Produktionsalltag. Das ist aber nicht überall so.
In Volkswagens Gläserner Manufaktur in Dresden gehören Roboter und Digitalisierung zum normalen Produktionsalltag. Das ist aber nicht überall so. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
Berlin. Der Chef des Wirtschaftsinstituts DIW analysiert wirtschaftlich kritische Branchen und Regionen sowie die Digitalisierung. Von Nina Jeglinski

Auf den Bestenlisten der Branche taucht er weit vorne auf: Volkswirtschaftsprofessor Marcel Fratzscher ist einer der einflussreichsten Ökonomen in Deutschland. Das hängt auch damit zusammen, dass er zu wirtschaftspolitisch kontroversen Themen, etwa der Flüchtlingspolitik, Stellung bezieht. Zuletzt verlangte er, dass der Staat seine Investitionen deutlich erhöhen müsse.

Herr Fratzscher, die Kritik am Standort Deutschland wächst: Technologien seien verschlafen worden, die weltgrößten Konzerne sitzen in den USA und China. Ist die deutsche Wirtschaft auf dem Weg in die zweite Liga?

Fratzscher Ganz klares Nein! Die deutsche Wirtschaft erlebt nach wie vor hervorragende Jahre, goldene Jahre. Das Land hat drei große Erfolgsgeschichten: das Beschäftigungswunder der letzten 10, 15 Jahre, die Löhne sind in den letzten Jahren gestiegen, und das Ganze bei sehr soliden Finanzen. Hinzu kommt, dass die deutsche Wirtschaft extrem wettbewerbsfähig ist.

Also kein Grund zur Sorge?

Fratzscher Wir stehen heute noch sehr gut da, aber meine Sorge ist, dass wir in diesen goldenen Jahren verschlafen haben, die Wirtschaft zukunftsfest zu machen, so dass wir diesen Wohlstand auch langfristig wahren können.

Macht nicht der Umbau bei den deutschen Schlüsselindustrien Maschinenbau und Automobilindustrie sowie die Digitalisierung Millionen Jobs überflüssig?

 DIW-Chef Marcel Fratzscher plädiert in Deutschland für eine stärkere Regional- und Strukturpolitik.
DIW-Chef Marcel Fratzscher plädiert in Deutschland für eine stärkere Regional- und Strukturpolitik. FOTO: dpa / Bernd von Jutrczenka

Fratzscher Der Ist-Zustand ist nicht in Stein gemeißelt. Deshalb ist es wichtig, die Weichen richtig zu stellen. Der digitale Wandel wird unvermeidlich kommen. Die Politik hat da bisher nicht die richtigen Konzepte: Mehr Protektionismus ist nicht der richtige Weg. Wir müssen die Transformation gestalten.

Wie soll das aussehen?

Fratzscher Die Unternehmen müssen bei diesem Strukturwandel unterstützt werden. Da ist der Staat in der Pflicht. Es braucht eine hervorragende Infrastruktur, eine hervorragende digitale Infrastruktur. Da hat Deutschland riesige Defizite. Zudem geht es um Qualifizierung. Bereits heute haben wir in manchen Bereichen einen Fachkräftemangel, aber auch Menschen mit Berufsbildern, die kaum Zukunftschancen haben. Diese Menschen müssen fortgebildet werden.

Welche Branchen müssen sich angesprochen fühlen?

Fratzscher Fast alle Branchen, fast jeder Arbeitnehmer. Das ist der dramatische Unterschied. Strukturwandel gab es immer. Der Druck auf die gutsituierte Mittelschicht nimmt zu, das ist ein neues Phänomen. Bedroht sind fast alle Bereiche, selbst Juristen. Insgesamt weit mehr als die Hälfte der Beschäftigten. Vor allem das verarbeitende Gewerbe ist betroffen.

Warum trifft es die Industrie mehr?

Fratzscher Weil hier viele Berufe sind, die automatisiert werden können. Viele Dienstleistungsberufe dagegen erfahren eine Aufwertung, zum Beispiel Altenpflege oder Pflege. Diese Arbeit wird schlecht oder gar nicht durch digitale Maßnahmen ersetzt werden können. Das lebenslange Lernen wird zu unserem ständigen Begleiter. Aber klar ist auch, dass viele das als Bedrohung empfinden.

Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland die Gesellschaft als ungerecht empfindet – vor allem im Osten. Warum?

Fratzscher Die Wiedervereinigung war eine Erfolgsgeschichte, auch wenn das manche nicht so sehen mögen. Da gibt es kein Vertun. Es gibt in Europa ganz andere Spaltungen, nämlich die in Nord- und Süd-Spanien oder in Italien. In Deutschland gibt es regionale Unterschiede und sie werden auch größer. Das ist aber mittlerweile kein Ost-West-Thema mehr, das ist ein Süd-Nord-Thema. Ein Blick ins Ruhrgebiet genügt.

Das Ruhrgebiet als Problemregion?

Fratzscher In NRW leben 18 Millionen Menschen, mehr als in Ostdeutschland, und dort finden sich die gleichen Probleme, die im Osten beklagt werden: überschuldete Städte, Abwanderung, Verfall der Infrastruktur. Tatsächlich ein Ost-West-Thema ist die Anerkennung der Lebensleistung und der Respekt voreinander. Die Unzufriedenheit im Osten ist hoch, weil die Leistungen der Menschen nicht ausreichend honoriert werden. Da muss die Politik Perspektiven aufzeigen.

Wie soll das konkret aussehen?

Fratzscher Wir brauchen eine viel stärkere Regional- und Strukturpolitik. Die strukturschwachen Regionen und Kommunen haben zu wenig finanziellen Gestaltungsspielraum. Es braucht einen neuen Bund-Länder-Finanzausgleich. Das große Problem ist die massive Verlagerung vom Land in die Stadt. Eine aktive Strukturpolitik sieht die Entschuldung der Kommunen vor, mehr Finanzen für strukturschwache Gebiete, Investitionen in Infrastruktur und den Ausbau digitaler Infrastruktur.

Soll man dafür auch neue Schulden aufnehmen?

Fratzscher Es ist genug Geld da, es geht darum, wie es verteilt wird. Der Staat hat im vergangenen Jahr fast 60 Milliarden Euro Überschüsse gemacht. Eine riesige Summe, die für den Ausbau der Infrastruktur investiert werden könnte. Ich halte von der Schuldenbremse nicht viel, ich sehe sie aber auch nicht als das Hauptproblem für den Investitionsstau. Hierzulande wird von privater und staatlicher Seite viel zu wenig investiert. Das ist fatal. Der Wohlstand hängt auch davon ab, dass investiert wird, nicht nur in Infrastruktur, auch in Bildung, in Forschung und Entwicklung. Ich bin für eine Investitionsregel, die jeder Kommune vorschreibt, zu investieren.