Auf welchen Haupt-Energieträgern soll eine europäische Energieunion basieren, wenn die Braunkohle als ein Träger entfällt? Reichen Sonne, Wind und nachwachsende Rohstoffe mit neuen Speichertechnologien alleine aus?

Maroš Šefčovič Der Energiemix liegt weiterhin in der Zuständigkeit der Mitgliedstaaten. Allerdings erleben wir erfolgreiche nationale und regionale Übergänge von der Kohle zu anderen Energieträgern, die den fortschreitenden Rückgang des Kohleverbrauchs im Energiemix der EU in den letzten zwei Jahrzehnten erklären. Wenn Mitgliedstaaten und Regionen den Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft anstoßen, wissen wir, dass dies schwierige Entscheidungen erfordern kann. Deshalb wollen wir sicherstellen, dass keine Region und keine Menschen zurückgelassen werden. Deshalb haben wir eine Initiative für Kohleregionen im Übergang ins Leben gerufen, um bei der Identifizierung, Entwicklung und Umsetzung von Projekten zu helfen, die den Anstoß für eine tragfähige Transformation geben könnten. Wir arbeiten bereits mit Regionen in sieben Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, zusammen. Dabei beziehen wir nationale, regionale und lokale Akteure ein, um maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln.Maßgeschneidert deshalb, weil die Herausforderungen dieser Regionen zwar ähnlich sein könnten - Wachstum und Arbeitsplätze zu erhalten, eine gesunde Umwelt zu sichern. Aber sie sind nicht identisch, und es gibt keine Einheitslösung. In der Praxis bieten wir unsere Expertise und technische Unterstützung an, um die industriellen Stärken jeder Region zu bewerten und bei der Projektumsetzung zu helfen. Und wir mobilisieren unsere Förderprogramme wie die EU-Strukturfonds, das Umweltprogramm LIFE, den Europäischen Fonds für die Anpassung an die Globalisierung oder das EU-Emissionshandelssystem. Ein konkretes Beispiel ist, dass die kohlenstoffintensiven Regionen unserer interregionalen Batterie-Partnerschaften beitreten können. Im Rahmen der Regionalpolitik stehen bis 2020 44 Milliarden Euro und 1 Million Euro für maßgeschneiderte technische Hilfe zur Verfügung.

Asiatische Hersteller dominieren derzeit den Markt für Batteriezellen. Woraus resultiert Ihr Optimismus, dass diese marktbeherrschende Position von einer europäischen Batteriezellen-Allianz nachhaltig gebrochen werden kann?

Šefčovič Ich gebe zu, dass wir spät begonnen haben - aber ich bin zuversichtlich, dass Europa das Zeug dazu hat, unsere strategische Unabhängigkeit im Batteriesektor aufzubauen, die ab 2025 jährlich 250 Milliarden Euro wert sein könnte. Warum bin ich optimistisch? Innerhalb eines Jahres hat sich die Europäische Batterieallianz zu einem Netzwerk von 260 Innovations- und Industrieakteuren und zu einer engen Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission, interessierten Regierungen und der Europäischen Investitionsbank entwickelt. Mehrere Produktionsprojekte werden dank Partnerschaften in Schweden, Frankreich, Deutschland, Belgien oder Polen ins Leben gerufen. Insgesamt gibt es laufende oder geplante Investitionen in Höhe von 100 Milliarden Euro. Hier entsteht tatsächlich eine neue Industrie, ein neues Ökosystem. Ich denke, jeder versteht, dass es keine Option sein kann, von den asiatischen Märkten abhängig zu bleiben. Batterien sind eine strategische Technologie, die Europa beherrschen muss, wenn wir weltweit führend in der Automobilindustrie und bei sauberen Energiesystemen bleiben möchten und hier Arbeitsplätze schaffen.

Die marktüblichen Zellen – Silicium-Ionen-Akkus – haben relativ lange Ladezeiten und begrenzte Kapazitäten (Reichweiten). Haben die Europäer aus Ihrer Sicht nicht nur eine Chance, wenn ihnen ein deutlicher Technologiesprung gelingt (neue Batterie-Technologien, Feststoffzellen etc.)?

Šefčovič Das ist die Absicht. Unsere Stärken liegen in leistungsfähigeren Batterien hinsichtlich Ladezeit, Autonomie, Energiedichte, aber auch unter dem Aspekt der Sicherheit und der Nachhaltigkeit. Wir wollen bei grünen Batterien weltweit führend sein. Das umfasst die Rohstoffgewinnung, den CO2-Fußbadruck bei der Produktion, das Recycling und die Wiederverwendung bis hin zur Nutzung von Autos als mobile Energiespeicher (Vehicle-to-Grid-Technologie). Dies erfordert strategische Investitionen in Forschung und Innovation, und gleichzeitig den Ausbau unserer Produktionskapazitäten.

Welche Vorgehensweise und welchen Zeitablauf in Bezug auf eine europäische Batterie-Allianz plant die EU-Kommission?

Šefčovič Wir müssen schnell, entschlossen und gemeinsam handeln. Deshalb bin ich froh, dass wir nicht mehr über das "Warum" und das "Ob" reden, sondern über das "Wie". Wir haben bereits einige Spitzenreiter und Trendsetter, zum Beispiel Northvolt. Das Unternehmen baut im Rahmen eines Projekts in Schweden derzeit eine Demonstrationsanlage. Mit der Produktion von Batteriezellen wird bereits im nächsten Jahr gerechnet. Northvolt hat sich auch mit der BMW Group und dem belgischen Unternehmen Umicore zusammengeschlossen, um ein gemeinsames Technologiekonsortium zu bilden, das eine vollständige, nachhaltige Wertschöpfungskette für Batteriezellen für Elektroautos in Europa entwickelt. Ein weiteres Konsortium befindet sich im Aufbau rund um das französische Unternehmens SAFT, um die nächsten Generationen von Batteriezellen zu entwickeln und zu industrialisieren. Und wir hoffen auf eine weitere starke Partnerschaft bei der Herstellung von Batteriezellen mit deutschen Unternehmen. Und ich könnte weitermachen. Unser Ansatz ist klar - in strategischen Bereichen wollen wir öffentlich-private Partnerschaften mit gemeinsamen Aktionsplänen, einem angemessenen regulatorischen Umfeld und angemessenen Ressourcen fördern. So sollte die Industriepolitik des 21. Jahrhunderts aussehen.

Wie viel Geld plant die EU-Kommission bereitzustellen? Sollen die Mittel vor allem für die Forschung ausgeben werden oder für den Aufbau von Produktionskapazitäten ODER vielleicht für beides?

Šefčovič Der globale Wettbewerb ist hart, und die Europäische Kommission ist daher bereit, von Anfang an eine helfende Hand zu reichen. Ein paar Beispiele. Staatliche Beihilfen können gewährt werden, um bis zu 100 Prozent der Kosten in der Anfangsphase bis zum ersten Einsatz zu decken, wenn sich mindestens zwei Mitgliedstaaten an einem Projekt beteiligen und es sich um eine innovative, bahnbrechende Technologie mit Spill-over-Effekten in der Wirtschaft handelt. Unser Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont 2020 wird batteriebezogene Themen mit 114 Millionen Euro unterstützen, wobei im Januar eine Aufforderung zur Einreichung von Vorschlägen veröffentlicht werden wird. Wir werden auch Regionen unterstützen, die sich zusammenschließen und mit ihren Stärken zur Batteriallianz beitragen wollen. Für diese Partnerschaften stehen noch rund 33 Milliarden Euro zur Verfügung, und einige Regionen übernehmen bereits die Führung: zum Beispiel in Slowenien und Italien. Und ich setze auch große Hoffnungen auf die Lausitz. Darüber hinaus soll der EU-Rechtsrahmen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass unsere Industrie wettbewerbsfähig ist, und zwar auf der Grundlage strenger Nachhaltigkeitsanforderungen von der Rohstoffgewinnung und -verarbeitung über die Produktion bis hin zum Recycling und der Wiederverwendung. Hier liegt der Wettbewerbsvorteil Europas - eine leistungsstarke, sichere und nachhaltige Batterieproduktion mit möglichst geringer Umweltbelastung. Wir wollen ein globaler Trendsetter sein.

Mit Maroš Šefčovič sprach Jan Siegel