Herr Keller, was denken Sie als Architekt, wenn Sie durch die Lausitz fahren?

Christian Keller: Ich sehe da den Reichtum unserer historischen Siedlungen, aber auch viele vergebene Chancen rechts und links der Straße. Man könnte besser bauen, was sich auch positiv auf das Dorfleben auswirken würde. Aber wir sind immer sehr schnell mit der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung. Bauen soll schnell gehen und nicht teuer sein. Die Ästhetik bleibt dabei oft auf der Strecke. Was schade ist und eigentlich nicht sein sollte. Bauen findet immer in der Öffentlichkeit statt.

Was läuft schief?

Keller Wir sollten uns als Gesellschaft mehr mit Baukultur befassen. Dafür haben wir die Baukultur-Initiative Brandenburg gegründet. Die soll den Menschen vor Ort den Austausch ermöglichen darüber, was gebaut werden kann, soll und muss. Das Bauen der Zukunft ist vor allem Umbauen. Man kann davon ausgehen, dass der Gebäudebestand, den wir in den nächsten Jahren brauchen, im Wesentlichen schon da ist. Das heißt: Um zu wohnen, brauchen wir nicht neu bauen.

Das wollen aber viele von uns: Haus, Garage, Garten und so.

Keller Genau das läuft schief. Für die meisten Menschen, die zur Mittelschicht gehören, ist das Eigenheim das, was am ehesten dem Traum von „My home is my castle“ entspricht. Was in der Praxis herauskommt, hat mit diesem Traum nicht mehr viel zu tun. Der Traum vom eigenen Häuschen hat uns endlose Eigenheimsiedlungen beschert. Die kann man inzwischen schon zum problematischen Gebäudebestand zählen. Diese Siedlungen fressen sich immer tiefer hinein in die Natur. Aber über das große Problem des Flächenverbrauchs wird ungern gesprochen. Wir werden umdenken müssen, das kann nicht lange so weitergehen.

Aber das eigene Häuschen ist doch ein nachvollziehbarer Traum.

Keller So alt ist dieser Traum noch nicht. Wenn man es genau betrachtet, sind Wohnsiedlungen voller Eigenheime, wie wir sie kennen, eine Anomalie. Die entstanden nach dem Krieg in praktisch der ganzen westlichen Welt. Nach dem Ende der DDR wurden diese Siedlungen auch in Ostdeutschland üblich. Man konnte Anfang der 90er sehen, wie der Wohlstand Einzug hielt und damit die Wohnformen des Westens. An einigen Ecken zeigt sich bereits, dass das nicht ewig funktioniert. Wenn die Benzinpreise steigen, lässt sich diese Wohnform so nicht mehr lange aufrecht erhalten.

Hat sich da das Wohnen von seinem Zweck abgekoppelt? An welchem Punkt in der Vergangenheit sind wir falsch abgebogen?

Keller Da müssen wir nicht weit zurück. Die Siedlungsgeschichte der Menschheit zeigt uns, dass wir immer nah beieinander gewohnt haben. Schauen wir uns Brandenburgs Dörfer an, die gehen meist auf mittelalterliche Dorfkerne zurück. Das sind Einheiten von oft 500 Menschen, die in ihrem nahen Umfeld alles haben, was sie zum Leben und Arbeiten brauchen. Diese Einheiten haben sozial, ökonomisch und ökologisch gut funktioniert, weil alles fußläufig erreichbar war.

Das Mittelalter ist aber lange her.

Keller Ja. Das Problem ist nun, dass wir keine produzierende Gemeinschaft mehr sind. Wenn der Kühlschrank leer ist, fahre ich zum Discounter. Die Kinder müssen in die Kita gefahren werden. Das ist das Kernproblem: Unsere Siedlungen sind ohne Auto nicht lebensfähig. Eigenheimsiedlungen erzeugen weite Wege. Gleichzeitig veröden die Dorfkerne, weil wir dort nicht mehr einkaufen. Eine Menge Probleme entstehen durch diese Art des Wohnens. Nicht zuletzt für das Klima. Schon allein wegen des Klimawandels müssen wir uns fragen, wie ein attraktives Wohnen aussieht, das in der Lage ist, das Einfamilienhaus abzulösen.

Wie kann man zeitgemäß wohnen, ohne unnötige Fahrerei und ohne dem Planeten zur Last zu fallen?

Keller Wir müssen wieder neue Formen des Zusammenlebens finden. Es gibt Projekte, wo mehrere Familien sich einen Vierseithof teilen oder als Gemeinschaft ein altes Gebäude wieder flott machen. Ich habe es selbst so gemacht. Das hat viele Vorteile. Man kann untereinander auf die Kinder achten, Pakete annehmen. Wir sollten beim Bauen mehr an die Gemeinschaft denken. Es gibt gute Beispiele, wie das aussehen kann.

Was heißt das für die Dörfer? Wer dort wohnt, muss zwangsläufig mehr fahren.

Keller Nicht zwangsläufig. Die Dörfer können davon profitieren, dass immer mehr Jobs am Laptop gemacht werden, was praktisch überall geht, wo Internet verfügbar ist. Dieses Thema ist sehr aktuell. Viele Städter entdecken gerade die Vorteile in solchen überschaubaren Gemeinschaften. Sie ziehen aufs Dorf, beleben Feuerwehren neu, gründen Kulturvereine und kümmern sich damit um die Lebensgrundlagen für alle. Sie haben auch keine Angst vor ungewöhnlichen Lösungen. Sie nutzen alte Kirchen neu oder bieten Übernachtungsmöglichkeiten in Scheunen an. So pflegt man alte Traditionen im Bewusstsein, dass zusammen mehr geht als alleine.

Kommt die Gemeinschaft beim öffentlichen Bauen zu kurz?

Keller Wenn man das Dorf als Organismus betrachtet, gibt es Wohnungen, die sind den Leuten in erster Linie wichtig. Aber das A und O sind Orte, wo Leute sich begegnen. Wir haben verlernt, dass Gemeinschaft eine unserer Triebkräfte ist.

Mit Christian keller
sprach Christine Keilholz

Cottbus