Prof. Dr. Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach forscht seit Jahrzehnten zum Thema Online-Shopping und der Zukunft des Handels in Deutschland. Er sagt: Auch die Städte sind verantwortlich für die Entwicklung der Einkaufsstraßen.

Herr Heinemann, in immer mehr Innenstädten geben die Geschäfte auf. Werden wir bald keine Einkaufsstraßen mehr haben?

Heinemann Einkaufsstraßen wird es auch in zehn Jahren noch geben. Die werden aber anders aussehen als heute, und man muss auch nach der Größte der Stadt differenzieren. Die Metropolstandorte, also überwiegend die Millionenstädte, davon haben wir in Deutschland ungefähr acht, werden sich nicht groß verändern, zumal dort auch in den nächsten Jahren – bis auf das Ruhrgebiet vielleicht – viele Menschen hinziehen werden. Allerdings ist abzusehen, dass, je kleiner die Stadt, die Veränderungen größer werden.

Der Schwarze Peter für diese Entwicklung wird dem Online-Handel zugeschoben. Welche Verantwortung aber trägt der Einzelhandel selbst?

Heinemann Ein typisches Kennzeichen des Handels war immer der Wandel. Vor Jahren hat man über den Wegfall der Preisbindung gesprochen, dann wurde die sogenannte Deichmannisierung – das Vertreiben von Einzelhändlern durch Ketten – kritisiert. Das gab es alles schon, vor 150 Jahren. Mit Aufkommen der großen Warenhäuser wurden auch viele kleine, lokale Händler vertrieben. Die größte Zäsur im Handel war nicht das Internet, sondern die Selbstbedienung. Internet-Shopping ist im Grunde auch nur eine moderne Form des Selbstbedienungshandels.

Also haben die Verantwortlichen einfach nicht früh genug reagiert?

Heinemann Die Stadtvorderen haben viel dazu beigetragen, wie es heute aussieht. Zum einen die Tatsache, dass große Shopping-Center und Fachmärkte und der komplette Lebensmittelhandel größtenteils außerhalb von Städten stattfinden. Zudem werden stationären Händlern in der Innenstadt bis heute unglaubliche Auflagen gemacht. Dazu kommen Ladenöffnungszeiten, die nicht mehr zeitgemäß sind. Auch wird es dem Kunden immer schwerer gemacht, in die Städte zu fahren. Das Parkangebot ist entweder nicht vorhanden oder zu teuer, ÖPNV nur unzureichend ausgebaut.

Welchen Anteil haben die Verbraucher an der Situation?

Heinemann Die Deutschen halten zwar gerne an alten Dingen fest, aber auf der anderen Seite ist der Konsument nicht bereit, mehr zu zahlen oder längere Wege auf sich zu nehmen. Man gibt sich umweltbewusst und will die Innenstadt erhalten, aber das bekundete Verhalten der Deutschen ist deutlich anders als das tatsächliche. Den meisten Deutschen geht es nur um den Preis und um die Bequemlichkeit, vollkommen unabhängig davon, ob der Konsument in West- oder in Ostdeutschland lebt.

Wieso drängen Online-Händler wie Amazon oder Zalando jetzt vermehrt in den analogen Handel?

Heinemann Bisher ist das nur Marketing. Amazon hat zwar die US-Bio-Supermarktkette Whole Foods gekauft, aber das sehe ich nicht als Abkehr vom Online-Handel, sondern eher als Ergänzung des Online-Händlers Amazon, um auch ein Bein in den stationären Handel zu bekommen.

mit Prof. Dr. Gerrit Heinemann sprach Nina Jeglinski