Herr Professor Ragnitz, sind die Lebenshaltungskosten in der Lausitz tatsächlich so viel niedriger, dass ein niedrigeres Gehaltsniveau gerechtfertigt wäre?

Ragnitz Nein, natürlich nicht. Niedriger sind Mieten und einige haushaltsnahe Dienstleistungen; das Gros aller Güter kostet überall gleich viel. Die letzten Angaben zum Kaufkraftvergleich stammen aus 2009, sind also nicht mehr wirklich aussagekräftig, aber gehen Sie mal davon aus, dass das durchschnittliche Preisniveau im Osten so in etwa zehn Prozent niedriger liegt als in Westdeutschland. Der Lohnunterschied ist aber deutlich größer.

Können sich Lausitzer Unternehmen objektiv betrachtet keine höheren Gehälter leisten? Oder sind die Ergebniserwartungen im Osten höher?

Ragnitz Grundsätzlich zahlen die Unternehmen das, was sie sich objektiv leisten können. Es gibt ja keine marktbeherrschenden Unternehmen in der Lausitz, die quasi Gewinne dadurch generieren können, dass sie ihren Beschäftigten niedrigere Löhne zahlen. Und die Arbeitnehmer haben ja ein Druckmittel, nämlich Abwanderung. Das Problem ist die Produktivität der Unternehmen, die im Schnitt rund 20 Prozent niedriger liegt als im Westen. Das liegt beispielsweise daran, weil die Unternehmen kleiner sind, weil sie niedrigere Verkaufspreise erzielen. Das hat aber nichts mit der Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu tun! Man kann aber schon sagen: Niedrige Löhne reflektieren die geringe Leistungskraft der Unternehmen.

Sie sprechen von einem nach wie vor bestehenden Produktivitäts-Unterschied Ost/West. Resultieren die statistischen Zahlen ausschließlich aus dem Fehlen großer Konzerne? Am Ende arbeiten doch auch Unternehmen in Ostdeutschland nicht mit Technik von 1952 – eher im Gegenteil.

Ragnitz Es gibt Produktivitätsunterschiede auch zwischen weitgehend gleichen Unternehmen (also gleiche Größe, gleiche Branche). Das bedeutet: Es sind schon spezifisch „Ost-Faktoren“. Nach meinem Eindruck versuchen viele Unternehmen, über niedrige Preise am Markt Erfolg zu haben. Das bedeutet dann aber: Niedrigere Umsätze bei gleichen Mengen, und das wiederum ist gleichbedeutend mit niedrigerer Produktivität.

Welche Rolle spielt der Niedriglohnsektor mit seinen 450-Euro-Jobs et cetera? Ist er in Ostdeutschland beziehungsweise der Lausitz signifikant ausgeprägter als in anderen Teilen Deutschlands?

Ragnitz Darüber gibt’s keine gesicherten Informationen. Aber im Großen und Ganzen ist das kein besonderes Phänomen des Ostens. Wirkliche Niedriglöhne gibt es schon wegen des Mindestlohns nicht mehr. Das, was Sie ansprechen, sind dann eher „geringfügig Beschäftigte“ aufgrund geringer Arbeitszeiten (aber nicht aufgrund niedrigerer Löhne). Das gibt es in weiten Teilen Westdeutschlands ebenfalls. Das Problem ist wohl eher die Branchenstruktur. Viele Jobs in Gastronomie oder Handel beispielsweise, wo insgesamt das Lohnniveau niedriger ist.

Nach der Abwanderung nahezu einer ganzen Generation Ostdeutscher in den Nachwendejahren und den geburtenschwachen Jahrgängen macht sich der Mangel an Nachwuchs und Fachkräften im Osten schon besonders stark bemerkbar. Müsste diese Tatsache nicht eigentlich die „Preise“ (Löhne für den Nachwuchs und Fachleute) treiben?

Ragnitz Ihre Vermutung stimmt nicht ganz. Es sind netto rund eine Million Personen abgewandert. Das sind nur rund ein Siebtel aller Einwohner Ostdeutschlands, also keine ganze „Generation“. Aber klar wird der Mangel an Nachwuchs und Fachkräften die Löhne steigen lassen. Aber derzeit gibt es eben nur in ausgewählten Bereichen wirkliche Fachkräfteknappheiten, und die Unternehmen haben vielfach noch nicht begriffen, dass sie höhere Löhne zahlen müssen.

Welche Bedeutung hat die enge Nachbarschaft zu Tschechien und Polen für die Wirtschaftsentwicklung auf der einen Seite und die Entwicklung der Gehälter auf der anderen Seite?

Ragnitz Ich weiß nicht, wie es in der Lausitz im Detail aussieht. Aber grundsätzlich ist in vielen Teilen Ostdeutschlands der Beschäftigungsaufbau getragen durch Ausländer. Sie kommen insbesondere aus Polen und Rumänien und arbeiten im Zweifel auch zu niedrigeren Löhnen. Der Mindestlohn hat da eine Grenze eingezogen. Trotzdem wirkt sich das natürlich insgesamt lohndämpfend aus.

Mit Joachim Ragnitz
sprach Jan Siegel