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| 19:03 Uhr

Berlin
Germania-Flieger bleiben am Boden

  Am Boden:  Manager der Luftverkehrsgesellschaft Germania geben als Gründe für die finanzielle Schieflage auch „unvorhersehbare Ereignisse“ wie massive Kerosinpreissteigerungen an.
Am Boden: Manager der Luftverkehrsgesellschaft Germania geben als Gründe für die finanzielle Schieflage auch „unvorhersehbare Ereignisse“ wie massive Kerosinpreissteigerungen an. FOTO: dpa / Martin Schutt
Berlin. Die nächste deutsche Airline ist nach 30 Jahren am Markt pleite. Billigflieger halten oft dem Kostendruck nicht stand. Von André Bochow

Beim Wort „Passagierhinweis“ zucken Reisende ohnehin zusammen. Die folgende Mitteilung dürfte aber für die Betroffenen ein mittelschwerer Schock gewesen sein.  „Die Flüge der Germania  sind eingestellt. Bitte wendet Euch an die Airline für weitere Informationen.“  So teilte es der Berlin Airport Service der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB) auf Deutsch und auf Englisch in den sozialen Medien mit. Von der angesprochenen Airline dürfte es wenig Tröstliches zu erfahren geben. Denn nach langem und vergeblichem Bemühen, das Unternehmen auf eine neue Finanzbasis zu stellen, hat Germania Insolvenz angemeldet. Nach mehr als 30 Jahren ist Schluss. Der Flug ST3711 von  Fuerteventura nach Nürnberg war der letzte.

Der Insolvenzantrag wurde beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eingereicht. Und zwar für die Germania-Fluggesellschaft, die Germania Technik Brandenburg  und für die Germania-Flugdienste. Mehr als 1100 Mitarbeiter sind betroffen – davon 500 in Berlin und Brandenburg.  Der Betrieb der Schweizer Germania und der Bulgarian Eagle wird fortgeführt. Karsten Balke, Chef der insolventen Fluggesellschaft, bedauert schriftlich. Vor allem das Los des Personals. Und: „Fluggäste, die ihren Germania-Flug nun nicht wie geplant antreten können, bitte ich um Entschuldigung.“

Die Mitarbeiter, denen ihr Gehalt im Januar nicht ausgezahlt wurde, haben lediglich Anspruch auf Insolvenzausfallgeld. Viel mehr Hilfe haben sie erst einmal nicht zu erwarten. Bundeswirtschaftsminister  Peter Altmaier (CDU)  verweist darauf, dass auch bei der Air-Berlin-Pleite der Staat nur insofern eingegriffen habe, als dass Passagiere aus dem Ausland zurückgeholt wurden. Bei Germania handele es sich um weitaus begrenztere Dimensionen. „Und viele Passagiere haben ohnehin die Chance, ihre Flugkosten erstattet zu bekommen“, sagt Altmaier.  Ganz anders wird die Situation der Passagiere von Verbraucherschützern beurteilt. Den Germania-Kunden drohe „immenser Schaden“, meint Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes. „Trotz der Erfahrungen mit der Insolvenz von Air Berlin haben Bundesregierung und EU nichts unternommen. Das rächt sich nun.“  Immerhin bieten andere  Fluggesellschaften  Germania-Kunden verbilligte Tickets an.

Das Unternehmen gibt als Gründe für die finanzielle Schieflage vor allem „unvorhersehbare Ereignisse wie massive Kerosinpreissteigerungen über den Sommer des vergangenen Jahres bei gleichzeitiger Abwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar, erhebliche Verzögerungen bei der Einflottung von Fluggerät sowie eine außergewöhnlich hohe Anzahl technischer Serviceleistungen“ an. Experten weisen auf hohe Erstattungskosten für Verspätungen und auf teure Leasingraten hin, die entstanden sind, weil es bei der Umstellung von Boeing auf Airbus-Maschinen (Einflottung)  zu erheblichen Lieferengpässen gekommen sei.

Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle sieht den „ruinösen Wettbewerb und den damit erzeugten Druck auf die Luftverkehrsbranche“ als Ursache dafür, dass nun ein weiteres deutsches Luftfahrtunternehmen in die Insolvenz gerutscht ist. Billige Tickets und der ständige Unterbietungswettbewerb gingen außerdem eindeutig zulasten der Beschäftigten. Es gebe bei Germania weder Tarifverträge noch Betriebsratsstrukturen.

Aber selbst die so gedrückten Kosten sind oft immer noch zu hoch. Vor allem dann, wenn unerwartet Preiserhöhungen das Gefüge verschieben. Im vergangenen Sommer sind innerhalb von  fünf Wochen fünf weitere europäische Billig-Airlines pleitegegangen. Darunter die deutsche Small Planet. Auch der Niedergang der ehemaligen Branchengrößen  Air Berlin und der österreichischen Niki  spielen eine Rolle. Kleinere Gesellschaften versuchten die Lücken auf dem Markt auszufüllen und übernahmen sich oft.

Während außerhalb der Branche die direkten und indirekten Subventionen für die Luftfahrt diskutiert werden (siehe Interview), stößt man sich innerhalb des Flugwesens an Vorgaben der EU. Vor allem die Entschädigungen für Verspätungen und Flugausfälle würden kleineren Gesellschaften schwer zu schaffen machen. Dabei könnten sie bestimmte Faktoren, wie Engpässe bei der Flugsicherung, gar nicht steuern. Außerdem müsste mitunter ein Vielfaches des gezahlten Flugpreises als Kompensation gezahlt werden, so die Klage der Airlines. Letztlich aber, meint der Flugverkehr-Experte Heinrich Großbongardt, sei die Germania-Pleite nur „ein weiteres Indiz dafür, dass die Konsolidierung voranschreitet.“  In wenigen Jahren werde es  in Europa Verhältnisse wie in den USA geben, „wo es nur noch wenige große Anbieter gibt.“ Größere Fluggesellschaften hätten letztlich Kostenvorteile und könnten auf Marktveränderungen besser reagieren. „Das Airline-Sterben, das Verschwinden kleiner Airlines wird weitergehen“, sagt Großbongardt.  Den Markt in Deutschland hält er allerdings schon für bereinigt.

Dass das Ende von Germania direkt zu höheren Flugpreisen führt, glaubt der Experte nicht. „Dafür ist Germania viel zu klein“. Tatsächlich hat die Gesellschaft zuletzt mit 37 Flugzeugen im Jahr vier Millionen Passagiere zu 60 Zielen gebracht. Aber auch für Berlin und den noch zu eröffnenden BER bedeutet die aktuelle Pleite „gar nichts“. So sieht es jedenfalls Hannes Steffen Hönnemann von der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg. Zwar wollte Germania seinen Firmensitz an den BER verlegen, aber letztlich hatte die Gesellschaft in Berlin nur einen Marktanteil von zwei Prozent. Und umgekehrt habe die verzögerte Eröffnung des neuen Großflughafens  bei der Germania-Pleite keine Rolle gespielt.

Welche Folgen die Marktbereinigung haben könnte, sei schwer zu sagen. Aus Sicht der Flughafenbetreiber in Berlin habe die Insolvenz von Air Berlin jedenfalls gezeigt, dass „einer kurzzeitigen Lücke ein Überangebot“ gefolgt ist.