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| 07:35 Uhr

Essen
Innogy-Aktionäre fühlen sich verraten

Essen. Zerschlagung, Jobabbau, Millionen-Abfindung für Ex-Chef Terium: Die Stimmung auf der Innogy-Hauptversammlung ist gedrückt. Immerhin gibt es eine gute Nachricht: Attentats-Opfer Bernhard Günther kann wieder arbeiten. Antje Höning

Zerschlagung, Jobabbau, Millionen-Abfindung für Ex-Chef Terium: Die Stimmung auf der Innogy-Hauptversammlung ist gedrückt. Die gut Nachricht: Attentats-Opfer Bernhard Günther arbeitet zumindest von zu Hause aus wieder..

Bei vielen Aktionären von Innogy sitzt der Frust tief: "Man wird verraten, man wird verkauft, man wird um die Zukunft gebracht", sagt Thomas Hechtfischer von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Der Aktionärsschützer ist mit 300 Anteilseignern in die düstere Grugahalle Essen gekommen. Es ist die zweite Hauptversammlung in der Geschichte des jungen Unternehmens - und könnte die letzte reguläre sein. Denn Mutterkonzern RWE will sein 76,8-Prozent-Paket an den Erzrivalen Eon verkaufen. So haben es die Konzerne vor sechs Wochen vereinbart.

Eon will den Minderheitsaktionären je Aktie 40 Euro (inklusive Dividende) zahlen, aktuell steht der Kurs bei 38 Euro. Hechtfischer wie Joachim Kregel, Aktionärsschützer der SdK, raten, das Angebot vorerst nicht anzunehmen, zumal Eon es womöglich erhöhen könnte. "Wir sehen den Wert eher bei 50 Euro denn bei 40 Euro", sagt Kregel.

Vieles ist anders auf dieser Hauptversammlung. Finanzvorstand Bernhard Günther ist nicht dabei. Der Manager war im März an seinem Wohnort Haan Opfer eines Säure-Attentats geworden. Bis heute sind die Hintergründe unklar. Der 51-Jährige hat inzwischen das Krankenhaus wieder verlassen. "Es geht ihm den Umständen entsprechend gut", sagt Innogy-Chef Uwe Tigges. "Wir sind mit ganzem Herzen bei ihm und seiner Familie. Wir hoffen auf Fortschritte bei der Aufklärung der Tat durch die Behörden." Günther nehme bereits an einer Vielzahl von Terminen telefonisch teil, ergänzt Aufsichtsrats-Chef Erhard Schipporeit. Günther sei weiter Finanzvorstand.

Der Aufsichtsrat machte Uwe Tigges gestern zum regulären Innogy-Chef. Nach dem Rauswurf von Peter Terium im Dezember hatte Tigges das Amt kommissarisch übernommen. Nun soll er Innogy bis zum bitteren Ende führen. Der Elektrotechnik-Meister und langjährige RWE-Betriebsratschef hat eine steile Karriere gemacht und gilt als Fels in der Brandung. Nun kämpft er darum, dass seine 42.000 Mitarbeiter nach der Aufteilung zwischen Eon und RWE ihren Job behalten. Eon hat angekündigt, nach der Übernahme 5000 seiner dann 78.000 Stellen zu streichen. Beim Kampf um die Jobs sollen Innogy-Mitarbeiter aber die gleichen Chancen haben wie die von Eon, versicherte Eon-Chef Johannes Teyssen am Vortag.

Derzeit liegt der Ball bei der Finanzaufsicht (Bafin). Laut Branchenkreisen will die Behörde Ende der Woche das Angebot freigeben. Dazu sagt der Eon-Sprecher: "Die Dokumente sind eingereicht. Wir werden die Angebotsunterlagen veröffentlichen, sobald die Genehmigung der Bafin vorliegt." Der Deal ist auch ein Fall für die EU-Kartellbehörden. "Wie in solchen Fällen üblich, sind wir in Gesprächen mit den relevanten Kartellbehörden", so der Eon-Sprecher.

Das braucht Zeit, die will Innogy nutzen. "Innogy ist ein wirtschaftlich eigenständiges, starkes Unternehmen. Und solange die Transaktion nicht abgeschlossen ist, wird das auch so bleiben", betont Tigges. In Branchenkreisen wird spekuliert, dass Innogy selbst den Investor Macquarie angesprochen habe, der mit einer Offerte für das tschechische Geschäft Eons Pläne durchkreuzt. Das weist Innogy zurück.

Nur einen interessiert das nicht mehr: Peter Terium. Der geschasste Chef erhält eine satte Abfindung von zwölf Millionen Euro, davon vier Millionen Euro in Form von Aktienoptionen, so Innogy. Zu Teriums Rauswurf sagte Thomas Deser, Fondsmanager bei Union Investment: "Besser spät als nie." Er kritisierte Terium als Märchenonkel: "Wir blicken auf ein enttäuschendes Geschäftsjahr und eine ernüchternde Kursentwicklung zurück. Wir fragen uns, ob die zum Börsengang erzählte Börsenstory nicht eher der Märchenwelt zuzuordnen ist."

Ob nun alles besser wird? Deser kritisierte Aufsichtsrats-Chef Schipporeit für die Vielzahl seiner Mandate, der Ex-Eon-Manager ist Kontrolleur bei neun Unternehmen - darunter RWE, wodurch Interessenkonflikte programmiert seien.

Zu Konflikten könnte auch führen, dass der Aufsichtsrat die Verträge der Innogy-Vorstände Hildegard Müller, Hans Bünting und Martin Herrmann gestern bis März 2022 verlängerte, obwohl Innogy 2019 verschwinden soll. Macher fühlt sich an die Innogy-Werbung erinnert: "Lass die Sonne rein."