Nowy Am Bohrloch 93 fegt eisiger Nordwind durch Westsibiriens verschneite Waldtundra. Dagegen fühlt sich das graue Sechs-Zoll-Rohr, das aus dem Permafrostboden ragt, geradezu warm an. Durch sein Inneres strömt leise zischend etwa zehn Grad warmes Erdgas aus der Tiefe. Rund 1200 Meter über dem gigantischen Gasreservoir steht Roman Balko auf einer Arbeitsplattform und prüft den Arbeitsdruck.

„72 Bar, das reicht“, sagt der 31-jährige Russe zufrieden und stapft durch den Schnee zu den anderen drei Bohrlöchern des Förderclusters 9. Hier beginnt der Weg des Erdgases, das im 2500 Kilometer entfernten Wyborg in die deutsch-russische Ostsee-Pipeline nach Lubmin fließt.

Balko ist Chefingenieur einer neuen, riesigen Aufbereitungsanlage des bislang größten in Russland erschlossenen Erdgasfeldes Juschno-Russkoje. Der Betreiber Severneftegasprom, ein Gemeinschaftsunternehmen von Gasprom, der deutschen Wintershall-Gruppe und Eon, investierte dort 1,1 Milliarden Dollar. Die Leitungen von 142 Bohrlöchern, verteilt auf einem 1100 Quadratkilometer großen Tundra-Areal, führen zu der mit modernster Westtechnik ausgerüsteten Anlage. Damit die auf dem Frostboden errichteten Systeme an heißen Sommertagen nicht im auftauenden Morast versinken, wurden an besonders sensiblen Stellen sogar Sensoren und Kühlsysteme ins Erdreich gerammt, die notfalls für die erforderliche Stabilität sorgen. „Pro Tag bereiten wir hier 75 Millionen Kubikmeter Erdgas auf,“ sagt Balko. Das Rohgas werde erwärmt, in mehreren Trocknungskolonnen von Wasser befreit, in Filtern gereinigt, wieder abgekühlt, komprimiert und dann im Gasprom-Leitungssystem auf die Reise geschickt. Bis es in Lubmin ankommt, vergehen fast zehn Tage.

Aus der Polarkreisregion Westsibiriens kommen inzwischen etwa 74 Prozent des russischen Erdgases.

Die Aufsicht über die Gasströme durch rund 150 000 Kilometer Leitungsnetz erfolgt in Moskau. Im siebten Stock der edel ausstaffierten Gasprom-Zentrale wacht Dispatcher Grigori Kucheryavenko vor einer mehr als zehn Meter breiten Videoleinwand über mehr als acht Milliarden Kubikmeter Erdgas, das beständig durch die Rohrsysteme rauscht.

„Von hier aus werden je nach Vertrag und Anforderung die Gasmengen von den lokalen Leitstellen angefordert und die Ventile für bestimmte Lieferungen zu unseren Kunden geöffnet“, sagt er. Und fügt hinzu: „Oder sie werden – wie in den Vorjahren nach dem Streit mit der Ukraine geschehen – gestoppt.“ Der Befehl, sagt Kucheryavenko und deutet auf ein antiquiert wirkendes Standleitungstelefon, sei damals „von ganz oben“ gekommen.