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| 01:35 Uhr

Impulse für die Gütermagistrale Wroclaw-Berlin

Von Streiks im Güterverkehr erhoffen sich die Lokführer mehr Druck auf die Bahn. -
Von Streiks im Güterverkehr erhoffen sich die Lokführer mehr Druck auf die Bahn. - FOTO: Foto: ddp
Knappenrode. In gut vier Jahren sollen schwere Güterzüge auf der internationalen Frachtenmagistrale Wroclaw – Berlin/Dresden schneller, zweigleisig und elektrisch getrieben durch das 53 Kilometer lange Nadelöhr zwischen der deutsch-polnischen Grenze bei Horka (Kreis Görlitz) und Knappenrode (Kreis Bautzen) rollen. Für das Planfeststellungsverfahren des inzwischen 387 Millionen Euro teuren europäischen Schienen-Ausbauprojekts hat die Deutsche Bahn am Dienstag mit etwa halbjähriger Verspätung das Startsignal gegeben. Von Harry Müller

In gemächlichem Tempo schleppt die Diesellok ihren schweren Zug aus Polen mit Koks, Holz und Stahlteilen über die fast 140 Jahre alte Neiße-Grenzbrücke nahe des Dörfchens Deschka auf die deutsche Seite. Weiter geht die Fahrt auf eingleisiger Strecke zum Güterbahnhof Horka. Dort spannt sich nun eine deutsche Diesel-Lok vor die Fuhre. Nach längerem Aufenthalt kriecht die Güterwagenschlange über Horka und Niesky (Kreis Görlitz) weiter durch das Sächsische über eine Altkippe des Tagebaues Werminghoff bei Lohsa Richtung Knappenrode. – So sieht der Alltag heute hier aus, wo täglich etwa 40 Güterzüge verkehren, deren Bestimmungsbahnhöfe Katowice (Katowitz) in Polen oder Kiew in der Ukraine oder Düsseldorf, Berlin, Hamburg heißen. Der Abschnitt Knappenrode – Horka/Grenze ist zum Nadelöhr für den internationalen Güterverkehr geworden.

Mehrfach verschoben

Seit Jahren existiert das Projekt zum Ausbau der Strecke von Wroclaw (Breslau) über Weglinec (Kohlfurt) und Horka nach Knappenrode und weiter über Ruhland, und Falkenberg/Elster, auch Niederschlesien-Magistrale genannt. Auf deutscher Seite waren die Termine für den Ausbau des Abschnitts Horka – Knappenrode mehrfach verschoben worden. Die letzte offizielle Meldung der sächsischen Bahn aus dem Jahr 2007 hatte den Beginn der Planfeststellung für 2008 und den Baubeginn Anfang 2010 für damals noch 310 Millionen Euro angekündigt.

Auch der Start zur Planfestellung des ersten Abschnitts Bahnhof Knappenrode am Dienstag in Niesky kam ein halbes Jahr später. Das Eisenbahn-Bundesamt habe noch Klärungsbedarf zur Umweltverträglichkeit gehabt, lautete eine Begründung. Vogelschutzgebiete mit streng geschützten Arten wie Fledermaus, Wolf und Rotbauchunke erforderten „größte Sorgfalt“, hieß es aus dem sächsischen Wirtschaftsministerium. Hinzu kamen massive Einwände von Anwohnern der Strecke wegen des befürchteten Lärms. Immerhin soll nach dem Verkehrsbedarf die Kapazität der Güterzugfahrten zwischen Horka/Grenze und Knappenrode von derzeit 40 Zügen auf bis zu 160 Züge pro Tag steigen.

Nun werden im September die Pläne des ersten Abschnitts öffentlich ausgelegt, kündigte die sächsische Bahnsprecherin Daniela Bals an, „damit sich Bürger, Kommunen und andere Träger öffentlicher Belange dazu äußern können“. Die Pläne für die restlichen drei Streckenabschnitte folgen schrittweise in den kommenden Monaten. Ende 2010 soll dann endgültig Baubeginn sein, um das Projekt 2013/14 abzuschließen. Der Investitionsbedarf für das Vorhaben ist inzwischen nach Bahnangaben auf 387 Millionen Euro gestiegen – finanziert von Bund und Europäischer Union.

Polen hat seine Hausaufgaben beim Ausbau der Niederschlesien-Magistrale zum großen Teil gemacht. Auf dem Abschnitt Weglinec bis zur Grenzbrücke an der Neiße sind die Gleise sowie die elektrische Fahrleitung seit 2006 neu verlegt. Jetzt soll während der Bauarbeiten auf der deutschen Seite die Grenzbrücke, für die Polen zuständig ist, bei laufendem Fahrbetrieb neu gebaut werden. Überhaupt drängte Polen darauf, während des Baues so wenig wie möglich teure Streckensperrungen vorzusehen. Jedoch geht es nicht ohne, erklärte der Sprecher Großprojekte der Deutschen Bahn, Michael Baufeld. Es gehe letztlich nicht nur darum, wieder den alten Streckenzustand herzustellen und das zweite Gleis zu bauen und zu elektrifizieren. In den Bahnhöfen Knappenrode, Niesky und Horka würden die Gleisanlagen nach neuesten europäischen Normen umgestaltet, Lärmschutzanlagen und elektronische Stellwerks technik installiert.

Strecke voll gesperrt

Ein besonders anspruchsvolles wie aufwendiges Projekt wird von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV) umgesetzt. Die Altbergbaukippe im Bereich des Bahnhofs Lohsa muss umfangreich saniert werden. „Dazu ist es unerlässlich“, so Baufeld, „den Zugverkehr zwischen Knappenrode und Niesky während der Bauzeit von etwa zweieinhalb Jahren vollständig einzustellen.“ Statt der Personenzüge fahren in dieser Zeit Busse. Der Güterzugverkehr soll laut Bahn voraussichtlich ab 2010 über Graustein bei Spremberg und Horka sowie auch über Hosena – Arnsdorf – Görlitz – Weglinec umgeleitet werden.