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| 08:45 Uhr

Grundstückspreise
„Grundstücksvergabe ist der Flaschenhals“

Baulandpreise in Deutschland
Baulandpreise in Deutschland FOTO: dpa-infografik GmbH / dpa-infografik
Berlin. Die Immobilienpreise in Deutschland werden nach Einschätzung von Gutachtern weiter steigen. Wer selbst bauen will, merkt das an teuren Grundstücken. Das liegt auch an einem „unangenehmen Nebeneffekt“.

Für ‚nen Zehner bekommt man drei Bier in der Kneipe oder sechs Päckchen Butter beim Discounter. Im südöstlichen Thüringen könnte man mit der Summe laut einem Immobilienbericht sogar Landbesitzer werden – ein Quadratmeter Baufläche koste dort im Mittel zehn Euro. In einigen Gegenden des Saale-Orla-Kreises sind es auch rund 50 Euro. Aber von München ist das noch immer weit entfernt: Dort müssen Bauherren rund 1600 Euro hinblättern. Dass Wohnraum vor allem in deutschen Großstädten knapp ist, merkt man nicht mehr nur an den Häuserpreisen.

Bauland habe sich weiter verteuert, sagt Anja Diers vom Arbeitskreis der amtlichen Gutachterausschüsse. „München hat immer Spitzenpreise.“ Aber auch in anderen Städten fielen hohe Preise an. In Wiesbaden etwa sind es laut Bericht 840 Euro pro Quadratmeter, in Hamburg 480 Euro. Die Experten haben für ihren neuen Bericht Kaufverträge ausgewertet. Insgesamt wechselten im vergangenen Jahr Immobilien und Grundstücke für rund 237,5 Milliarden Euro die Besitzer. Der Trend: Vor allem Wohneigentum in Städten ist nochmals teurer geworden.

Die Zinsen seien weiter niedrig, sagt Diers. Und das Wohnangebot ist vor allem in Städten knapp, weil dort viele Menschen hinziehen. Längst steigen auch die Preise für Bauflächen. Das zeigt sich etwa, wenn jemand ein kleines Eigenheim bauen will. Für ein Grundstück im mittleren Preissegment mussten Bauherren im bundesweiten Mittel 108 Euro pro Quadratmeter zahlen – 16 Euro mehr als noch 2014. Und mit großen regionalen Unterschieden. Noch stärker haben sich Grundstücke für Mehrfamilienhäuser verteuert.

Vor allem in Großstädten wird dieser Platz benötigt, um große Wohngebäude zu bauen. Die Preise stiegen im bundesweiten Mittel um fast 50 Prozent – von 104 Euro pro Quadratmeter auf 155 Euro für mittlere Preislagen. In Berlin beispielsweise fielen laut Gutachtern rund 880 Euro an. In den Kommunen reichten das Angebot und die Ausweisung von Bauplätzen oft nicht aus, „da überrascht es kaum, dass die Baulandpreise weiter steigen“, schreibt Peter Ache, Redaktionsleiter des Immobilienmarktberichts.

So sieht es auch Andreas Mattner, Präsident des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA). Die stagnierenden Grundstücksvergaben seien eines der Kernprobleme bei der Bewältigung der Wohnungsknappheit. „Vor diesem Hintergrund wundert es wenig, dass bei den Baugenehmigungszahlen nicht die gewünschte Steigerung eintritt. Wir laufen unseren Zielen hinterher, die Grundstücksvergabe ist der Flaschenhals.“ Warum werden also nicht mehr Flächen ausgewiesen?

Experten sehen verschiedene Gründe. „Viele Kommunen haben gar nicht mehr die Flächen. Denken Sie an Frankfurt oder München“, sagt Matthias Waltersbacher vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Grundstücke seien nicht beliebig multiplizierbar. Jede Kommune habe eine etwas andere Situation. Manchmal gebe es auch Bedenken der Bürger. „Wer möchte gerne eine Baustelle für Jahre vor dem eigenen Haus haben?“

Auch der Immobilienexperte Michael Voigtländer vom arbeitgebernahen Forschungsinstitut IW Köln sieht mehrere Aspekte. Die Kommunen täten sich schwer, Bauland auszuweisen, weil sie Umweltbeeinträchtigungen und Proteste von Bürgern fürchteten oder es restriktive Vorgaben auf Landesebene gebe, schrieb Voigtländer unlängst. Dass Bauland so knapp sei, habe auch noch einen anderen „unangenehmen Nebeneffekt“. Denn die hohen Preise führten dazu, dass auch private Eigentümer ihre Grundstücke zurückhielten, schreibt Voigtländer. Wenn das Land so schnell im Preis steige, lohne das Warten. Auch Waltersbacher vom BBSR erklärt, dass sich Eigentümer zum Teil bewusst mit dem Verkauf zurückhielten. Manche Besitzer wüssten auch nicht, wie sie den Verkaufsgewinn in Zeiten niedriger Zinsen überhaupt anlegen sollten. „Wir haben ja auch einen Anlagenotstand. Sachwerte sind besonders gefragt.“

(dpa)