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Im Zug der Zeit

Hannelore Grogorick
Hannelore Grogorick FOTO: M. Behnke (DC)
Bahnfahren bildet – es zeigt, wie gewaltig Anspruch und Wirklichkeit bisweilen auseinanderdriften. Und manchmal weckt es sogar ein bisschen Nostalgie. Hannelore Grogorick

Es ist ein bisschen wie eine Traumhochzeit am königlichen Hofe. Vorm Fernseher ist man entzückt von den fernen Welten in schönen Bildern. Der Prinz und die Prinzessin in schwindelerregender Pracht… In der vorigen Woche haben Siemens und der französische Zugbauer Alstom ihre Bahnsparten vermählt. Die Eheleute sind die beiden Hochgeschwindigkeitszüge ICE und TGV. "Wir setzen die europäische Idee in die Tat um und schaffen gemeinsam mit unseren Freunden bei Alstom auf lange Sicht einen neuen europäischen Champion der Eisenbahnindustrie" , hatte Siemens-Chef Joe Kaeser erklärt. Beim Anblick der schnittigen Wunderwerke der Technik umschwirrt mich sogleich eine Ahnung des Wohlgefühls, das einen Fahrgast da erwartet: Der sanfte Druck in die weichen Sitzpolster, die luxuriösen Wlan-Zapfstellen für den Laptop. Die wohlriechenden WC.

Und dann sitze ich wirklich in einem Zug: im Regionalzug nach Dresden. Am Bahnhof in Drebkau bin ich irgendwie froh, dass ich hier nicht aussteigen muss. Beim Halt in Neupetershain frage ich mich angesichts der Ruinen, wieso ich von Kampfhandlungen am Bahnhof so gar nichts erfahren habe. Und beim Umsteigen in Ruhland spüre ich regelrecht ein Glücksgefühl, dass ich auf demselben Bahnsteig bleiben darf. Im Zug selbst muss ich das Klo nicht mit den Augen suchen. Den Weg weist mir die Nase.

Dann schaue ich aus dem Zugfenster. Ich erfreue mich an den noch grünen Wiesen, an der ersten Herbstfärbung des Laubs. An den Vögeln auf den abgeernteten Feldern. An den Häusern und Flüssen meiner Heimat. Und plötzlich denke ich an Pendler aus Kolkwitz, Kunersdorf und Raddusch, die durch die Bahnhöfe ihrer Dörfer duchrattern müssen, um dann mit Umweg über Lübben oder Cottbus zurückkehren zu dürfen. Im Nachbarabteil klingelt derweil ein Handy. Der Mitreisende scheint seinen Gesprächspartner schlecht zu verstehen, Funklöcher. Der Mann spricht deshalb etwas lauter. Ich höre von seiner Arbeit im Instandhaltungswerk der Bahn Cottbus. Wo es manchmal nur dreimonatige Arbeitsverträge gibt, weil es einfach an Arbeit fehlt… Als dann mein Blick aus dem Fenster auf den Qualm eines ersten Herbstfeuers in einem Garten fällt, gehen meine Erinnerungen zurück zu einer Fahrt mit der Dampflok nach Breslau. Wie viele begeisterte Fotografen hatten entlang der Strecke auf das Kleinod des Lausitzer Dampflok-Klubs gewartet…

Und zurück in der Gegenwart bin ich dann doch zufrieden im und mit dem Hier und Jetzt. Schön, dass Enthusiasten das pflegen und erhalten, was zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt. Und ebenso toll ist, dass es immer wieder Tüftler und Denker gibt, die mit Konsequenz ihre Träume umsetzen. Dampfloks auf den Schienen sind heute pure Nostalgie für uns.

Und Hochgeschwindigkeitszüge sind auch für unsere Region irgendwann die Zukunft.