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Im BH und in der Hügellandschaft

Plauen/Chemnitz. Nach der Insolvenzanmeldung eines renommierten Textilherstellers macht sich Sorge breit um eine sächsische Traditionsindustrie. Doch dazu sieht die Plauener Spitzenbranche keinen Grund. Christine Keilholz

Tischwäsche und gestickte Gardinen stellt das Familienunternehmen Gerber Spitzen im vogtländischen Auerbach her. Jetzt hat das Familienunternehmen Insolvenz angemeldet. Gerber Spitzen ist einer von elf Textilherstellern aus dem Vogtland, die das Label "Plauener Spitze" verwenden dürfen. Einen Liquiditätsengpass gab das Unternehmen mit 26 Mitarbeitern als Grund für den Insolvenzantrag an.

Von einem "absoluten Einzelfall" spricht Cordula Bauer vom Verband Plauener Spitze und Stickereien. Die gesamte Branche im sächsischen Süden "ist gut strukturiert und funktioniert", so Bauer.

Auch wenn Plauener Spitze längst nicht mehr nur das ist, was Oma in der guten Stube hatte. Nicht mehr nur die Tischdecke, der Fensterhänger oder der Kissenbezug. Ja, das mache man auch noch, sagt Cordula Bauer, "aber eigentlich nur noch in den Exportkollektionen". Die Auslandskundschaft will eben die Plauener Spitze von früher. Aber das ist nur ein Markt, auf dem sich die rund 40 Spitzenhersteller rund um Plauen vertun.

Cordula Bauers Unternehmen hat sich spezialisiert auf hochwertige Heimtextilien wie Schiebegardinen oder fleckgeschützte Tischwäsche. Solche Produkte finden unter dem Sammelbegriff "modernes Wohnambiente" wieder mehr dankbare Kunden.

Und dann die Mode. Bräute tragen wieder Spitze am Kleid oder drunter. Traditionell hergestellte Spitze ist ein Luxusprodukt, fit für die Kreationen der neuen Designergeneration. Seit Jahren läuft Plauener Spitze über die Laufstege der Berliner Fashion Week - auch am Körper der Plauener Spitzenprinzessin Rika Maetzig, die für den Branchenverband den Modemarkt erobern soll. Der verspricht der Plauener Spitze nicht nur lukrative Aufträge, sondern auch großen Werbeeffekt.

Plauener Spitze war vor 100 Jahren eine der Säulen des sächsischen Wirtschaftswunders. Die vogtländischen Wollweber veredelten schon im 16. Jahrhundert ihre Stoffe mit Stickmustern. Im industriellen 19. Jahrhundert ratterten überall rund um Plauen die Stickmaschinen. Spitze brachte die Region voran, gewann den Grand Prix auf der Weltausstellung 1900 in Paris und machte Plauen zu einer reichen Stadt. Seit 125 Jahren schlägt hier das Herz der deutschen Stickerei, in der noch heute etwa 40 kleine und mittelständische Unternehmen arbeiten.

An die 30 Millionen Euro Umsatz macht die Branche im Jahr, schätzt Peter Werkstätter vom Verband Nord-ostdeutsche Textil- und Bekleidungsindustrie in Chemnitz. Aber eben nicht mehr mit dem guten alten Scheibenbild: "Damit lässt sich kein Geld mehr verdienen", sagt Werkstätter.

Außerdem seien gerade mit solchen Produkten viele Markenpiraten aus Asien und Osteuropa unterwegs. Was da manchmal unter dem Label Plauener Spitze verkauft werde, gehe auf keine Kuhhaut, so Werkstätter: "Aber eine gute Hausfrau kann schon eine anständige Tischdecke von einer unterscheiden, die aus Malaysia kommt."

Ein wachsender Markt für die Spitzenhersteller sind die technischen Textilien. Immer öfter entstehen auf den Plauener Maschinen Stoffe, die in Autos und Flugzeugen verbaut werden oder als Geotextil im Landschaftsbau. In diesem Segment hat sich auch die strauchelnde Firma Gerber engagiert. Der Insolvenzverwalter hat angekündigt, er wolle den Geschäftsbetrieb neu ausrichten. Das Unternehmen könne durchaus saniert werden.