Mit kräftigem Gebimmel kündigt sich die fahrbare Schiebebühne auf dem Werkgelände des Schienenfahrzeugherstellers Bombardier Transportation in Bautzen an. Im Bauch des fahrenden Vehikels befinden sich zwei lackierte Wagenkästen. Vor einem großen Schiebetor der 120 Meter langen Endmontagehalle bremst der Arbeiter. Im Inneren wartet schon das Fahrwerk. "In drei bis vier Wochen macht sich diese Stadtbahn auf den Weg nach Rotterdam", erläutert Werkleiter Volker Eickhoff.

Die Bestellung aus den Niederlanden läuft gerade an. Sie ist eine von vielen Aufträgen, die der 60-Jährige an die Spree holte. Das Tor schließt sich wieder. Eickhoff geht in die große Endmontagehalle. Sechs Straßenbahnen stehen hier auf ihren Fahrwerken in den Gleisen. Hinter ihnen warten weitere Fahrzeuge auf die Hochzeit - das Zusammensetzen von Wagenkasten und Unterbau .

"Wir bauen derzeit noch Straßenbahnen für Verkehrsverbünde in Frankfurt/Main, Essen/Mühlheim, Gent/Antwerpen, Berlin und Basel", sagt der Manager. Es ist einer seiner letzten Rundgänge in dem Betrieb. Zum 1. Juli wechselt er in die Unternehmensniederlassung im polnischen Wroclaw (Breslau).

Rund 1200 Beschäftigte arbeiten derzeit im Bautzener Werk. Ende des vergangenen Jahres kündigte das Unternehmen an, 125 Stellen zu streichen. "Diese Zahl überprüfen Betriebsrat und Geschäftsleitung ständig. Sie wird sofort nach unten korrigiert, wenn die Auslastung stimmt", sagt Stephan Hennig, IG Metall-Bevollmächtigter in Ostsachsen. Derzeit bemühe sich das Unternehmen, Arbeiten vom Görlitzer Werk nach Bautzen zu verlegen. An der Neiße werden zum Beispiel Doppelstockwagen gefertigt.

Unterdessen laufen die Akquise neuer Aufträge und die Fertigung weiter auf Hochtouren. Die Fahrzeuge sind inzwischen kleine High-Tech-Züge. Sie haben nur noch wenig gemein mit ihren Vorgängern, die vor Jahrzehnten die Straßen der Großstädte eroberten. Und dennoch müssen sich die Bautzener Schienenbauer bis heute nach den Spurweiten der vor gut 150 Jahren entstandenen Pferdestraßenbahnen richten. "Denn die Schienen, die einmal in den Städten lagen, riss doch niemand mehr weg. Die gängigsten Straßenbahnbreiten liegen zwischen 2,30 und 2,65 Metern. Für uns bedeutet das, das jede Stadt eine maßgeschneiderte Anfertigung bekommt", berichtet der Werkleiter. Etwa 100 Straßenbahnen verlassen heute jährlich den Bautzener Betrieb in die halbe Welt.

An der Spree werden aber nicht nur Bahnen gebaut, sondern auch neue Ideen ausgetüftelt. Derzeit arbeiten die Ingenieure an Aufträgen für Köln und Düsseldorf. Bis zu 18 Monate kann es von der ersten Idee bis zum fertigen Konstruktionsplan einer Straßenbahn dauern. Besonders viel Wissen stecken die Straßenbahnbauer derzeit in die Entwicklung neuer Sicherheitssysteme. "Wir arbeiten an einem Fußgänger-Airbag, der sich öffnet, wenn jemand im Gleisbett steht. Auch die Videoüberwachung der Fahrzeuge ist ein Thema", erzählt Eickhoff.

Der Chef öffnet die Tür zu einer weiteren Werkhalle, in der Metallteile zugeschnitten werden. Junge Kollegen arbeiten Hand in Hand mit Jahrgängen, die noch im VEB Waggonbau in der DDR ihre Lehre absolvierten. Zwar lernen derzeit 31 Auszubildende in Bautzen. "Aber es wird aufgrund des demografischen Wandels immer schwieriger, aus der Region junge Leute zu finden", sagt der Manager. Mit einem "Schau-rein-Tag" und Führungen für Schulkassen will das Unternehmen Lust auf die Arbeit im Traditionsbetrieb machen.

Seit 1896/97 werden an der Spree elektrische Straßenbahnen gebaut. Die Werkhistorie beginnt aber schon 50 Jahre eher - unter anderem mit Pferdebahnen.

Mit 1200 Mitarbeitern ist Bombardier laut Stadtverwaltung Bautzen der größte industrielle Arbeitgeber in der Region. Einen Schlag erlitt das Werk durch das Jahrhunderthochwasser im August 2010, das einen Schaden von 14,1 Millionen Euro anrichtete. Das Werk wurde anschließend komplett modernisiert. "Wir haben die Flut als Chance genutzt", sagt der Manager. In Wroclaw warten nun andere Herausforderungen - da ist er sich sicher.