| 02:41 Uhr

Hightech in Lausitzer Bandweberei

Bandweberin Claudia Ringleb-Kunze arbeitet in der Produktion der Bandweberei F.J. Rammer – einem Familienbetrieb in sechster Generation.
Bandweberin Claudia Ringleb-Kunze arbeitet in der Produktion der Bandweberei F.J. Rammer – einem Familienbetrieb in sechster Generation. FOTO: dpa
Ohorn. Die Geschichte der Bandweberei Rammer beginnt 1815 mit einem Webstuhl in einem Umgebindehaus. Mehr als 200 Jahre später will der Familienbetrieb mit leuchtenden Bandgeweben auf den Markt gehen. Miriam Schönbach

Leuchtende Gardinen - was sich für die meisten wie eine verrückte Idee für die Zukunft anhört, ist bei der Bandweberei F. J. Rammer im sächsischen Ohorn greifbare Realität. Seit Beginn des Jahres tüftelt der mittelständische Familienbetrieb im Verbund mit 17 Unternehmen und drei Forschungsinstituten in Sachsen und Thüringen an "maßgeschneiderten optischen Fasern". Das Wohnaccessoire ist dabei nur ein Einsatzgebiet der leuchtenden Bänder.

Auf den ersten Blick vermutet in dem über 100 Jahre alten Industriebau mitten in der Dorfidylle niemand Hightech. "Der Gründer unseres Unternehmens, Friedrich Joseph Rammer, hatte 1815 seinen Webstuhl noch in einem Umgebindehaus stehen", sagt Annekathrin Schwarze. Gemeinsam mit ihrem Bruder Christian Schwarze und ihrer Cousine Franziska Hennersdorf führt sie seit zehn Jahren gemeinsam den Betrieb in der sechsten Generation. Seit dieser Zeit beschäftigen sich die Produzenten von elastischen und unelastischen Bändern immer wieder mit textilen Hightech-Produkten.

Deshalb schloss sich der Traditionsbetrieb dem Forschungsprojekt zu "maßgeschneiderten optischen Fasern" an. "Bisher wurden Fasern aus Quarzglas verwendet. Sie sind jedoch sehr empfindlich und schlecht zu verarbeiten", sagte Projektleiter Klaus Richter beim Besuch der Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) vor wenigen Tagen in Ohorn. Anstelle des zerbrechlichen Materials wird derzeit in Jena ein Glas entwickelt, dessen Fasern geschmeidig über das Webblatt aus Metall auf den Webmaschinen laufen können.

Diese Neuheit steht allerdings noch am Anfang. "Wir haben die ersten Versuche durchgeführt, die Maschinen müssen nun in einem der nächsten Schritte auf die Fasern angepasst werden", sagt Christian Schwarze. Neben den Praktikern und den Glasmachern sitzen bei der Entwicklung des Super-Fadens auch Laser- und Messtechnik-Spezialisten am Tisch, damit die optischen Fasern mithilfe eines Lasers leuchten, biegbar und beanspruchbar sind. "Nehmen wir wieder das Beispiel der leuchtenden Gardine. Sie wollen sie ja auch waschen und drapieren", sagt Richter.

Allerdings sieht der Projektleiter die neuen Fasern nicht in erster Linie im Wohnzimmer, sondern in Autos, Schiffen und Flugzeugen sowie in der Medizin. "Ekzeme auf der Haut kann man heute nur punktuell mit einem Laser in einem sehr langwierigen Prozess behandeln. Mit einem solchen Band kann man einen größeren Bereich behandeln und die Therapie verkürzen", sagt Richter. Forschungsministerin Wanka zeigt sich begeistert von der "bemerkenswerten Innovation" in der dörflichen Idylle. "Aus diesem Potenzial werden Weltmarktführer gemacht", sagt sie. Bereits jetzt verarbeitet der Ohorner Betrieb Glasfasermaterial für Hitzeschutzbänder oder Basaltfasern für Endlosbänder in Heizaggregaten.

Die neuen Materialien zählen zu den technischen Textilien. Peter Werkstätter vom Verband der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie (vti) sieht in ihnen auch die Zukunft für die Branche. "Wir machen 50 Prozent des Umsatzes mit technischen Textilien. Tendenz steigend", sagt er.

In der ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie arbeiten 16 000 Menschen, davon 12 000 in Sachsen und 2500 in Thüringen in rund 350 Unternehmen und sechs Textilforschungsinstituten. "Wir werden noch Bildschirme aus der Tasche holen, die man zusammenrollen kann. Textiltechnik wird in naher Zukunft dort interessant, wo heute noch andere Materialien eingesetzt werden", so Werkstätter.

Die maßgeschneiderten optischen Fasern aus Ohorn sollen in drei Jahren für den Markt bereitstehen. Bis 2019 gibt es eine Förderung aus dem Programm "Innovative Regionale Wachstumskerne" des Bundesforschungsministeriums. Parallel tüfteln die Mitarbeiter des Familienbetriebs schon an weiteren innovativen Ideen. "Wir sind vielleicht kein Leuchtturm, aber ein leuchtendes Band in der Region", sagt Schwarze.