Ein Hauch von Portwein, Whisky oder Schokolade, monatelang im Eichenfass gereift: Individuell gebrautes Gourmetbier - Craft-Beer genannt -, mischt die hiesige Bierszene auf.

"Wir beobachten, dass immer mehr etablierte Großbrauereien dieses Segment für sich entdecken und individuelle, aromatische Biere brauen", sagt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes. Der Trend stammt ursprünglich aus den USA und wurde in Deutschland zunächst von kleinen Kellerbrauereien aufgegriffen.

Seit dem 1. April bietet die Köstritzer Schwarzbierbrauerei aus Ostthüringen ein Pale Ale in englischem Stil - mit herber Zitrusnote. "Damit reagieren wir auf den wachsenden Wunsch der Verbraucher nach besonderen Bieren", sagt Geschäftsführer Andreas Reimer.

Auch die Landsberg Brauerei aus Sachsen-Anhalt will künftig ein solches Spezialbier auf den Markt bringen und füllt derzeit schon Gerstensaft für die wachsende Berliner Craft-Bier-Szene ab.

Die Görlitzer Landskronbrauerei experimentiert mit schottischem Malz, das über Torf geröstet wurde - für ein Bier mit rauchigem Whisky-Aroma. Auch spezielle Portweinhefe kommt zum Einsatz. "Vom Brauen, Abfüllen bis hin zum Aufbringen der Etiketten wird das Craft-Bier ausschließlich von Hand verarbeitet", erläutert Geschäftsführerin Katrin Bartsch. Die Auflage ist limitiert, rund 15 000 Flaschen pro Jahr gehen über den Ladentisch.

Die Klosterbrauerei im brandenburgische Neuzelle hat mehr als 40 verschiedene Biere im Angebot, darunter mit Spargelsaft versetztes Bier - passend zur Saison und seit neuestem auch Heubier sowie mit Aroma-Hopfen gebrautes Gourmet-Pilsener. "Wir setzen schon immer auf Nischen", sagt Sprecherin Sharline Fischer. Dass Großbrauereien das Craft-Bier für sich entdecken, sieht sie eher kritisch: "Es ist die Frage, ob es dann noch ums reine Handwerk geht."

Mit den neuen Sorten wollen die deutschen Brauer wieder Lust auf Bier machen. Denn 2013 haben sie das siebte Jahr in Folge weniger Gerstensaft abgesetzt. Die Menge erreichte mit 94,6 Millionen Hektolitern den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung.

Für Norbert Gehring, Inhaber der Traditionsbrauerei Wippra (Sachsen-Anhalt) und einer von wenigen Biersommeliers, liegen die Gründe auf der Hand: "Das hat aus meiner Sicht vor allem mit der geschmacklichen Eintönigkeit vieler Industriebiere zu tun." In den USA habe sich vor gut zehn Jahren - ebenfalls in einem durch Großbrauereien dominierten Markt - eine kleine Szene von Brauern entwickelt, die mit Rohstoffen experimentierten und auf handwerklich hergestelltes Bier setzten. "Die Bewegung ist hier schwer im Kommen."

In Sachsen wurden im Vorjahr rund 7,9 Millionen Hektoliter Bier verkauft, in Sachsen-Anhalt waren es rund 2,4 Millionen und in Thüringen 3,5 Millionen. In Berlin und Brandenburg flossen rund 3,8 Millionen Hektoliter Bier. Alle vier Bundesländer verbuchten einen Rückgang.

Gebraut wird im kleinen Gasthaus bis hin zur Großbrauerei. "Der Markt ist vielfältig", sagt der Geschäftsführer des Sächsischen Brauerbundes, Reinhard Zwanzig. Allein in Sachsen gibt es 57 Braustätten, davon 30 Brauerei-Gasthöfe und sieben Konzerntöchter wie etwa die zur Bitburger Gruppe gehörende Wernesgrüner Brauerei oder die Radeberger Brauerei (Radeberger Gruppe).

"Die vielfältige Brauereilandschaft in Sachsen ist einzigartig im Osten", so Zwanzig. Im benachbarten Sachsen-Anhalt werde die Bierlandschaft vor allem durch Hasseröder bestimmt, das zum belgisch-brasilianischen Braukonzern AB-In-Bev gehört. Von einer kleinen Brauerei in Ostdeutschland habe sich das Unternehmen zunehmend gemausert, so ein Sprecher. Werden heute mehr als 2,5 Millionen Hektoliter verkauft, waren es Mitte der 90er-Jahre noch eine Million Hektoliter.

In Thüringen gibt es laut Brauerbund etwa 25 Brauereien, zu den größten zählt die zur Bitburger Gruppe gehörende Köstritzer Brauerei. Vor allem mit seinem Schwarzbier konnte das Unternehmen nach eigenen Angaben 2013 ein Umsatzplus verbuchen - ohne genaue Zahlen zu nennen. Das Bier werde mittlerweile in 55 Länder verkauft, hieß es. Darunter auch auf die Cayman-Inseln, an die Elfenbeinküste und den Oman.

Der deutsche Biermarkt werde sich wandeln, davon ist Sommelier Norbert Gehring überzeugt. "Hin zu mehr Vielfalt." Weltweit gebe es 30 verschiedene Malz- und 180 Hopfensorten. "Da können noch viele unterschiedliche Biere gebraut werden. Und alle nach dem Reinheitsgebot." Das Craft-Bier sieht er nicht als Konkurrenz für die großen Massenbiere, sondern eher als Gewinn und Belebung des Marktes. "Wenn Bier wieder zum Kulturgut wird, profitieren alle davon."

Zum Thema:
Bayerns Herzog Wilhelm IV. erließ am 23. April 1516 das Reinheitsgebot für Bier. Danach dürfen beim Brauen nur Wasser, Hopfen und Malz verwendet werden, später kam Hefe dazu. Seit 1994 wird es am Tag des Deutschen Bieres als ältestes Lebensmittelgesetz der Welt gefeiert. Deutsche Brauer setzen auf das Marketinginstrument Reinheitsgebot, nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 1987 dürfen aber Biere mit Zusatzstoffen in Deutschland verkauft werden. Bundesweit werden nach Angaben des Brauer-Bundes in rund 1300 Braustätten mehr als 5000 verschiedene Biere produziert.