In Südbrandenburg sind derzeit 37 816 Erwerbslose seit mehr als einem Jahr ohne Arbeit. Das sind 60 Prozent aller Arbeitslosen. Im Januar 2005 lag diese Zahl mit 30 796 Betroffenen dagegen noch bei 45,3 Prozent. Diese Menschen sind auf das Arbeitslosengeld II (Alg II) angewiesen und werden entweder von der Arbeitsagentur in Arbeitsgemeinschaften (Argen) betreut, an denen auch die kommunalen Sozialämter beteiligt sind. Oder wie im Fall des Spree-Neiße-Kreises ausschließlich von der Kommune. Die kommunalen Hartz-IV-Behörden wurden von der Bundesregierung ganz bewusst als Konkurrenz zu den Arbeitsagenturen installiert. Doch wer die Vermittlung tatsächlich besser macht, kann selbst nach einem Jahr niemand sagen.
Monat für Monat werden riesige Zahlenfolgen zur Arbeitslosenstatistik veröffentlicht. Trotzdem ist ein Vergleich bislang unmöglich, so paradox es klingt. Der Arbeitsmarktexperte Dr. Herbert Buscher vom renommierten Institut für Wirtschaftsforschung Halle erklärt: „Die Zahlen der Agentur und der Kommunen sind einfach nicht kompatibel. Wir wissen nichts Solides über die Vermittlungsarbeit.“ Dabei sieht er eine stärkere Beteiligung der Kommune positiv. „Wettbewerb ist gut. Aber derzeit kämpfen verschiedene Ebenen gegeneinander.“ Das sind die kommunalen Träger auf der einen und die Bundesagentur für Arbeit (BA) auf der anderen Seite. Die Leid Tragenden sind die Arbeitslosen. Buscher: „Die BA hat kein Interesse daran, den Kommunen konstruktiv zu helfen. Damit würde sie sich ja den eigenen Giftbecher einschenken. Und die Kommunen haben kein Interesse daran, sich in die Karten schauen zu lassen.“
Selbst das Bundesarbeitsministerium weiß bislang nicht, wie effektiv die Millionenzahlungen des Bundes bei der Integration eingesetzt werden. Auf eine RUNDSCHAU-Anfrage gibt es die lapidare Auskunft: „Es wird eine Evaluation der Arbeit der Argen und der Optionskommunen durchgeführt. Die Ergebnisse werden erst 2008 vorgelegt.“ Selbst eine Aussage über die Arbeit der bundesweit 69 Optionskommunen untereinander ist nicht möglich. Auf die Frage, wo sächsische und Brandenburger Kommunen stehen, heißt es aus dem Ministerium: „Darüber gibt es bislang keine Erkenntnisse.“

Städte- und Gemeindebund skeptisch
Der Brandenburger Städte- und Gemeindebund hat sein eigenes Urteil. Er steht dem Modell der Optionskreise skeptisch gegenüber. Geschäftsführer Karl-Ludwig Böttcher: „Die gemeinsame Aufgabenlösung in den Argen hat sich als besser erwiesen.“ Schon allein die kürzeren Verwaltungswege seien ein großer Vorteil. „Aus unserer Sicht ist die zersplitterte Vermittlung von Alg-I- und Alg-II-Empfängern einfach nicht sinnvoll“ , erklärt Böttcher.
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Cottbus sieht in der Eigenverantwortung der Kommunen dagegen ein große Chance. „Die Arbeitsagentur ist ein Statistiker und Vermittler. Die Kommune ist dagegen selber ein wichtiger Arbeitgeber und kann so direkt Einfluss nehmen“ , erklärt Andreas Kotzorek, Vize-Hauptgeschäftsführer der IHK. Doch was dem Wirtschaftsexperten bislang fehlt, sind Konzepte. Was werde getan, um Arbeit zu vermitteln ohne den regionalen mittelständischen Unternehmen künstlich Konkurrenz zu machen„ „Welche Beschäftigungsfelder werden beispielsweise erschlossen, die mit Partnern aus der Privatwirtschaft zur Qualifizierung führen““ , fragt Kotzorek.
Hermann Kostrewa, Chef der Hartz -IV-Behörde in Spree-Neiße, erklärt das Konzept des Kreises: „Unser Schwerpunkt liegt bei der Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt. In der Prioritätenliste folgen die Qualifikationen und erst danach die Ein-Euro-Jobs.“ Das Fazit nach einem Jahr: „Die Vermittlungsquote ist recht positiv. Das hatten wir so nicht erwartet“ , sagt Kostrewa. Seinen Angaben zufolge fanden 2005 insgesamt 1457 Arbeitslose einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt - 519 davon wurden maximal ein Jahr lang mit bis zu 600 Euro im Monat gefördert. Das macht 7200 Euro pro Person und Jahr. Ob das wirklich den Arbeitsmarkt entlastet, ist aus Mangel an Beweisen nicht zu sagen. Doch scheinbar ist auch dem Kreis klar, wo seine Stärken liegen sollten. Hermann Kostrewa erklärt: „Wir wollen die Verknüpfung von Maßnahmen und Investitionsvorhaben weiter ausbauen.“
Nach der Integrationsarbeit des Landkreises gefragt, gibt sich der Cottbuser Agentur-Chef Heinz-Wilhelm Müller salomonisch. „Ich gehe davon aus, dass der Spree-Neiße-Kreis ein gutes Geschäft macht. Um eine Evaluation der Arbeit von Argen und Kommunen wird sich der Bundesrechnungshof kümmern. Das will ich nicht vorweg nehmen“ , erklärt Müller und fügt an: "Ich sehe dem Ergebnis dieses Wettbewerbes mit großer Gelassenheit entgegen."

Milliarden bleiben ungenutzt
Doch selbst in den Argen, wo Arbeitsagentur und kommunale Sozialämter Partner sind, läuft nicht immer alles rund. „Unser Führungswille ist bei den Argen nicht immer durchsetzbar“ , erklärt BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise. Das trifft seinen Angaben zufolge besonders auf die aktive Förderung der Langzeitarbeitslosen und erwerbsfähigen Sozialhilfeempfänger zu. So wurden im vergangenen Jahr die vom Bund bereitgestellten 6,5 Milliarden Euro für Trainingsmaßnahmen sowie Aus- und Fortbildung der Betroffenen nur etwa zur Hälfte ausgeschöpft. Deshalb bemüht sich die Bundesagentur nun, die Argen stärker an die Kandare zu nehmen. Dabei nutzt sie ihr hausinternes Controllingsystem. Gesetzte Ziele - wie eine deutliche Senkung der Langzeitarbeitslosigkeit - werden dabei monatlich überprüft.
Die Integrationsarbeit der Optionskreise wird dagegen noch nicht kontrolliert. Doch bis Ende 2006 soll es innerhalb der 69 Optionskommunen einen Leistungsvergleich geben. Das Benchmarking wird derzeit von der Bertelsmann-Stiftung erstellt.