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| 02:38 Uhr

Handwerk baut auf Gerüste aus Großräschen

Auch wenn beim Gerüstbauer in Großräschen Automaten produzieren, die Qualitätskontrolle ist Sache der Mitarbeiter.
Auch wenn beim Gerüstbauer in Großräschen Automaten produzieren, die Qualitätskontrolle ist Sache der Mitarbeiter. FOTO: Altrad plettac
Großräschen. In Großräschen (Oberspreewald-Lausitz) ist eine Erfolgsgeschichte geschrieben worden, die ihresgleichen sucht. Aus dem Betriebsteil des Metall-Leichtbaukombinates (MLK) Leipzig zu DDR-Zeiten ist der Fertigungsstandort der Nummer zwei des weltweiten Gerüstbaus gewachsen. Manfred Feller

Wenn irgendwo in Europa ein großes Gebäude oder eine Industrieanlage eingerüstet wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Gerüstteile von der Altrad plettac Production GmbH (ApP) in Großräschen hergestellt worden sind. Die Liste der namhaften Referenzobjekte ist lang. Sie reicht vom Berliner Reichstag über das Schweriner Schloss bis hin zum Vatikan, zu großen Kirchenbauten und Monumenten in Deutschland und Europa.

Aber auch die Zuschauer von Motorsportveranstaltungen können sich auf die geschweißte Qualität aus der Lausitz verlassen. Denn viele Unterkonstruktionen von Tribünensystemen stammen aus dem Gerüstbau.

Den Standort Großräschen haben im Vorjahr Gerüstteile mit einer Gesamtmasse von etwa 20 000 Tonnen verlassen. Mit dem verarbeiteten Stahl könnte der Pariser Eiffelturm fast dreimal errichtet werden. "Wir schreiben über die Jahre ein kontinuierliches Wachstum", zeigt sich Geschäftsführer Ulrich Lawory entschlossen, den Standort stetig weiterzuentwickeln.

Die Investitionen fließen in erster Linie in die Automatisierung. Programmierte Maschinen fertigen heute bereits etwa 80 Prozent der Massenerzeugnisse. Damit liegen die Großrä- schener in der Branche ganz weit vorn, versichert der aus Köln stammende Ulrich Lawory. Der Mittvierziger ist seit 2009 Geschäftsführer.

Seit dem Jahr 2007 sind fast zehn Millionen Euro vornehmlich in Fertigungsroboter investiert worden. Im vorigen Jahr gingen zwei neue Roboterzellen für spezielle Gerüstteile und die dritte Laseranlage in Betrieb. Rund eine Million Euro sind dafür ausgegeben worden. Die Schweißroboter und -automaten sind in der Lage, vom Zuschneiden bis zum Schweißen mehrere Arbeitsschritte auszuführen. Kleine Gerüstserien werden dagegen von Hand geschweißt.

Trotz des steigenden Automatisierungsgrades baut die Altrad plettac Production GmbH in Großräschen Arbeitsplätze nicht ab. Im Gegenteil. Der Betrieb zählt ungefähr 140 Beschäftigte bei leicht steigender Tendenz. Dazu gehören Auszubildende zum Konstruktionsmechaniker mit hohen Übernahmechancen und für die Auftragsspitzen Leihkräfte. Die vor Jahren ausgegliederten Bereiche Verzinkerei und Putzerei zählen am Standort noch einmal zusammen etwa 100 Beschäftigte. Altrad plettac entlohnt nach Haustarif. "Für die Region bezahlen wir vernünftig", sagt Ulrich Lawory.

In drei Schichten von Montag bis hinein in den Sonnabend fertigen die Mitarbeiter zwei Systeme von Gerüsten. Das allseits bekannte Fassadengerüst dient dem schnellen Einrüsten von Gebäuden. Daneben gibt es das Modulgerüst für komplexere Geometrien. Dieses System wird besonders von der Industrie nachgefragt und wird auch als Hängegerüst verwendet.

"Unsere Kunden schätzen Qualität aus Großräschen und Made in Germany", weiß Ulrich Lawory, was er an seiner Mannschaft hat. Mit etwa 50 Prozent des Absatzes sei das Inlandsgeschäft "sehr stark". Exportiert wird vor allem nach West- und Nordeuropa sowie in den deutschsprachigen Raum. Vom Verwaltungs- und Logistikstandort Plettenberg (NRW) aus ist ein starker Vertrieb in Westeuropa aufgebaut worden.

Seit dem Jahr 2004 unter dem Dach der weltweit enorm gewachsenen französischen Altrad-Gruppe mit insgesamt 130 Unternehmen, mehr als 16 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von ungefähr 2,4 Milliarden Euro (2016) geht der Großräschener Geschäftsführer aufgrund der "sehr guten Auftragslage" von weiterem Wachstum und neuen Investitionen aus.

Innerhalb des Konzerns, der vom syrischstämmigen Gründer Mohed Altrad eher wie ein großes Familienunternehmen geführt werde, ergeben sich zudem Symbiosen mit anderen Gruppenunternehmen. Die Großräschener fühlen sich in der großen Struktur gut aufgehoben. "Wir sind innerhalb der Gruppe trotzdem eine eigenständige und agile Einheit", versichert Ulrich Lawory. Geschätzt werde, dass der Ingenieur Mohed Altrad, der sein Imperium 1985 als Kleinunternehmer begründet hat, eine enge Bindung zu den Betrieben pflegt und alle Chefs und viele Mitarbeiter persönlich kennt.

Die Altrad-Gruppe - fünf Prozent der Anteile hält der französische Staat - ist heute nach eigenen Angaben die weltweite Nummer eins bei der Herstellung von Betonmischern und Schubkarren, die Nummer zwei in der Gerüsterzeugung und gehört zu den Top fünf der Gerüstdienstleister. Konzernchef Mohed Altrad ist Unternehmer des Jahres 2014 in Frankreich und Weltunternehmer des Jahres 2015.

Zum Thema:
Das Ur-Unternehmen der Altrad plettac Production GmbH in Großräschen ist der im Jahr 1965 aufgebaute Betriebsteil Sedlitz des Metall-Leichtbaukombinates Leipzig. 1988 erfolgte der bergbaubedingte Umzug nach Großrä-schen und zwei Jahre später die Übernahme durch die Firma plettac aus dem Sauerland. Der Betrieb nannte sich fortan Stahl- und Maschinenbau GmbH (Stama). Es folgte die Gerüst-Spezialisierung. Ab 1993 arbeitete die Verzinkerei. 1995 entstand das 60 000 Quadratmeter umfassende Außenlager. Wirtschaftliche Schwierigkeiten prägten die Jahre 1996 bis 2000. Die Verzinkerei wurde ausgegliedert. 2003 meldete die plettac AG Insolvenz an. Im Jahr darauf erfolgte die Übernahme durch die französische Altrad-Gruppe. Dieser Konzern war durch Firmenaufkäufe ab 1997 in Deutschland aktiv geworden. Die Hertel-Gruppe (weltweit 10 000 Mitarbeiter) war 2015 die größte Übernahme. 2016 wurde die Prezisio-Gruppe übernommen, mit 500 Millionen Euro Umsatz und 5000 Beschäftigten ein führender Dienstleister im Offshore-Bereich.