Von Nina Jeglinski
und Simone Dürmuth

Vor wenigen Jahren galt die Berliner Friedrichstraße als exklusive Adresse: Es gab nicht nur das französische Kaufhaus Galeries Lafayette, sondern mit dem Quartier 206 auch einen deutschen Versuch, wie etwa bei Harrods in London die Nobelmarken dieser Welt unter einem Dach zu verkaufen. Der Versuch ist gescheitert.

In Berlin gibt es nur noch eine Nobelmeile, den Kurfürstendamm. Die Friedrichstraße verödet derzeit zur Büro- und Touristenmeile. Nicht nur das große Haus Nummer 206 steht leer, auch in der 205 sucht man für viele Tausend Quadratmeter neue Mieter. Ideen gibt es reichlich: Co-Working Spaces, Niederlassungen für Spezialmedizin oder gar Pop-up-Stores. Und der grüne Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel will aus der Straße eine autofreie Zone machen, damit „Platz zum Flanieren, für Bäume und für Straßencafés entsteht“. Bisher ist nichts entschieden, vielmehr läuft die Experimentierphase. Wie viele Gewerbegebäude bundesweit derzeit nicht genutzt werden, ist laut Statistischem Bundesamt nicht zentral erfasst. Der Handelsverband Deutschland (HDE) geht davon aus, dass zehn Prozent der Gewerbeimmobilien leer stehen. Als Gründe dafür gelten nicht nur der Online-Handel, sondern auch Abwanderung und der demografische Wandel.

Die wirtschaftlich starken Regionen Baden-Württembergs kennen das Problem Laden-Leerstand in Innenstädten ebenfalls. „Es ist, wie es viele empfinden: Die Traditionsgeschäfte verschwinden aus den Innenstädten“, bestätigt Hilmar Pfister, Pressesprecher beim Handelsverband Baden-Württemberg. Betroffen seien vor allem die größeren Städte, wie Stuttgart, wo in letzter Zeit viele Händler aufgegeben hätten. „Die gestiegenen Mieten und die Konkurrenz durch den Online-Handel machen ihnen zunehmend zu schaffen“, so Pfister. Ein Druck, dem seiner Einschätzung nach große Filialisten besser standhalten können.

In kleineren Städten, wie zum Beispiel Mühlacker, könnten sich alteingesessene Geschäfte besser halten. „Da ist einfach noch die Verbundenheit da“, so Pfister. Händler und Kunden kennen sich persönlich, auch außerhalb der Geschäftsräume trifft man sich. Dafür dauere es in den kleineren Städten umso länger, bis ein Leerstand wieder vermietet ist. Selbst in 1A-Lagen gehen hier zwei bis drei Monate ins Land. In Stuttgart beobachte er das nicht, da seien die Top-Lagen schnell wieder vermietet. „Aber schon in den 1B- oder 1C-Lagen kann es länger dauern.“Ist die Entwicklung schon für den wohlhabenden Südwesten ein Problem, schlägt sie im Osten noch stärker ein.

In Frankfurt (Oder) etwa ist die Lage fast aussichtslos. Seit Jahren verzeichnet die Grenzstadt zu Polen sinkende Gewerbeanmeldungen, Läden geben auf. „Wir sind aktuell dabei, den Einzelhandel in der Innenstadt zu halten“, sagt Uta Häusler, Referentin für Handel bei der IHK Ostbrandenburg. Von den 387 für Einzelhandelsbetriebe zur Verfügung stehenden Geschäften stehen derzeit schätzungsweise 180 leer. Man arbeite sehr „einzelfallbezogen“ und wolle die zentrale Karl-Marx-Straße wiederbeleben. Der strukturschwachen Uckermark machen vor allem Probleme wie hohe Arbeitslosigkeit, alternde Bevölkerung und eine seit drei Jahrzehnten andauernde Abwanderung zu schaffen. Einen weiteren Grund für die Umwälzungen im Handel sieht Pfister im veränderten Einkaufsverhalten. „Der Kunde ist bequemer geworden. Es ist schwerer, ihn zu überzeugen, in die Innenstadt zu gehen.“ Schwer tut sich der Handel vor allem mit der jüngeren Kundschaft. „Die heute 20-Jährigen sind sehr viel unberechenbarer geworden, da gibt es kaum noch Muster, auf die man sich einstellen kann.“

In Berlin probieren nun Amazon und Zalando, Online-Händler, bei denen die Jungen kaufen, neue Shopping-Modelle aus. Vor allem die Idee des Pop-up-Stores wird probiert. Zeitlich begrenzt und anlassbezogen wird ein Laden in der dazu passenden Lage eröffnet. Zum Start der Amazon-Prime-Serie „Deutschland 86“ eröffnete Amazon im vergangenen Herbst in Berlin am Hackeschen Markt für drei Tage einen Laden, in dem nicht nur Produkte der 1980er-Jahre gekauft werden konnten, sondern laut Amazon „eine Erlebniswelt aus Musik und Film, Technik und Alltag, Mode und Spiel mit zum Angebot gehörte“.

Für Handelsexperten wie Gerrit Heinemann, Professor an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, ist das ein Teil der Shopping-Zukunft. Die Menschen sehen das Einkaufen immer mehr als Event – nicht der Erwerb von Kleidung oder anderen Alltagsgegenständen stehe im Vordergrund, sondern der Kunde suche immer stärker das Erlebnis und wolle beim Einkaufen auch unterhalten werden. Das gelte nicht nur für jüngere Menschen.