Von Frank Claus

Wenn Otto Normalverbraucher durch die Hallen der Grünen Woche läuft, bekommt er von den Spannungsfeldern der Landwirtschaft nicht allzu viel mit. Aber angesprochen auf die Massentierhaltung, wird es meist emotional. Anita und Klaus Schneider sind aus der Nähe von Bautzen zur Grünen Woche gekommen. „Wir sind in der Landwirtschaft groß geworden. Manches gibt uns heute zu denken. Werden mehr als 10 000 Schweine an einem Standort noch artgerecht aufgezogen? Welche Folgen haben solche Konzentrationen für das Umfeld?“, fragt Anita Schneider und sagt, dass sie froh sei, Kleinvieh selbst halten zu können.

Am Sonnabend haben nach Veranstalterangaben 35 000 Verbraucher und Landwirte für eine Wende in der Agrarpolitik demonstriert. Mit etwa 150 Traktoren sind sie zur Demo „Wir haben es satt“ in die Bundeshauptstadt gekommen. Die EU-Subventionen müssten endlich umgeschichtet werden. 70 Prozent der 60 Milliarden, die von der EU in die Landwirtschaft fließen, würden Großbetrieben zugute kommen. Massentierhaltung, Monokulturen und Insektensterben seien die Folge. Kleine Betriebe blieben auf der Strecke.

Massentierhaltung? Brandenburgs Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD) bemüht dann gern eine Vergleichszahl. Mit 0,4 Großvieheinheiten je Hektar verfüge das Land über eine der geringsten Viehdichten in Deutschland. Und die Zahl der Bio-Betriebe und die Förderung des Ökolandbaus steige. Trotzdem, so der agrarpolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, Benjamin Raschke, verschlafe das Land seit Jahren den Trend zu mehr Bio und könne die Nachfrage in Berlin-Brandenburg nicht decken. „Ich versuche, Brandenburger Produkte zu kaufen“, sagt Michael Kulus aus der Nähe von Oranienburg. Aber es gebe immer noch zu wenig. „Und irgendwo haben für mich Bio-Produkte, die ich wirklich gern kaufe, eine Grenze. Mehr als zwölf Euro für zwei Hähnchenbrüste, das ist mir doch zu fett.“

Henrik Wendorff, der Präsident des Landesbauernverbandes, gesteht Defizite ein. Im Land würde verarbeitendes Gewerk fehlen, vor allem Mühlen und Schlachtbetriebe. Das sagt auch Hanka Mittelstädt, die Vorsitzende des Agrarmarketingverbandes pro agro. „Wir brauchen sie am besten im Berliner Raum, damit zentral gelegen und mit besten Chancen, das nötige Personal zu bekommen.“

Messebesucher Torsten Arndt aus Berlin sieht bei der Neuausrichtung der Agrarpolitik aber nicht nur Politik und Landwirte gefordert, sondern auch den Handel. „Ich zahle gern mehr, wenn ich weiß, dass es bei den Bauern ankommt.“ Aber er ist skeptisch, was Kontrollen und Verbraucherschutz betrifft: „Nimm doch nur den Skandal um die giftbelasteten Eier. Plötzlich waren alle Eier raus aus dem Markt, und eine Woche später standen nur noch Bio-Eier drin. Wie geht das?“