Die Polizei hat ihn schon getestet, die Feuerwehr bekundet großes Interesse. Und das Chemnitzer Eiskunstlaufpaar Aljona Savchenko und Robin Szolkowy setzt sogar große Hoffnung auf den Stoff, der von alleine zu erstrahlen scheint. Tausende winzige Leuchtdioden (LED) in einem Stoff verwoben machen es möglich, dass die Kostüme der Sportler und andere Hemden und Hosen in den schrillsten Farben leuchten.

Zurück geht das neuartige Textil auf eine Entwicklung des Instituts für Spezialtextilien (TITV) in Greiz. Für seine Erfindung wurde das bereits zu DDR-Zeiten gegründete Institut von der Initiative "Land der Ideen" zu einem der 365 Orte in Deutschland gewählt. Die Forscher selbst glauben, dass der Stoff der Beginn einer Revolution in der Beziehung von Mensch und Maschine ist.

Begonnen hat alles mit der Anfrage einer Talsperre im Vogtland. Alternativ zum klassischen Metall sollte das Institut einen Pegelmesser aus einem robusten Stoff kreieren, der zudem den aktuellen Wasserstand in eine Zentrale melden kann. "Also begannen wir, winzige Kontakte in klassische Textilien einzuweben", sagt der Ingenieur und Erfinder Andreas Neudeck.

Effektvolles Garn

Zunächst waren es grobe Elek troden, später folgten LED. "Die Methode wurde immer mehr verfeinert, bis wir eine Symbiose aus Stoff und elektronischen Bauteilen hatten", sagt Neudeck. Ein ultrafeines Garn entstand, das schließlich Uniformen und sogar die Kostüme der ehemaligen Weltmeister Savchenko und Szolkowy effektvoll zum Leuchten bringt.

So viel Glamour gab es in Greiz bis zur Wende nicht. Zu tiefsten DDR-Zeiten gegründet, gehörte das TITV zum sächsisch-thüringischen Textilkombinat "Wolle und Seide" und forschte an der Perfektionierung von Technologien für die Herstellung von Gardinen und Teppichen. "Das hätten wir auch noch eine Weile machen können. Doch die Optimierungsmöglichkeiten waren einfach ausgereizt", sagt Institutssprecherin Birgit Seidel. Dies und nicht zuletzt der Untergang der sächsischen Textilhochburgen zur Jahrtausendwende zwangen das Institut zum radikalen Umdenken.

Das neue Objekt der Forscher heißt seitdem funktionale Textilien. Um sich das Feld zu erschließen, holten sich die Thüringer zunächst fachfremdes Personal in ihr unscheinbares Domizil in einem Hinterhaus am Ortsrand von Greiz. "Mit Webern alleine wären wir nicht weit gekommen. Wir brauchten Naturwissenschaftler, Mediziner und Elek troniker", sagt Seidel.

Die Ergebnisse des aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen zusammengewürfelten Thinktanks reichten bald von der Leuchtjacke bis zum beheizbaren Garn für Autositze. Für Entwickler Neudeck ist das alles nur der erste Schritt in eine ganz neue Dimension. "Damit ist lediglich der Anfang für interaktive Mikrosysteme aus Textilien gemacht", sagt der Sachse. Als Nächstes will der Ingenieur nämlich die Interaktion zwischen Mensch und Maschine verändern. "Nichts ist besser geeignet als Stoff, um mit Gesten eine Maschine zu steuern", sagt Neudeck.

Noch wenige reale Produkte

Auch die Elektronikindustrie hat er im Visier: "Denkbar ist eine Tastatur, die man zusammenfaltet und in die Hosentasche stecken kann." Gleichwohl haben es die rund 40 Forscher des TITV bislang schwer, ihre vielen Ideen in reale Produkte umzuwandeln. Nur einige Entwicklungen haben es bislang zur Serienreife gebracht. So entwarf die Universität Bochum zusammen mit dem TITV einen Handschuh, der Schlaganfall-Patienten bei der häuslichen Therapie unterstützt.

Der niederländische Elek tronikkonzern Philips verwendet das Leuchtgarn für einige Wellness-Produkte. Diese Erfolge sind es, die die Greizer durchhalten lassen. "Leuchten können wir jetzt schon. Aber natürlich wollen wir viel mehr", sagt Neudeck.