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| 19:20 Uhr

"Greenpeace löst Skandalisierungswelle aus"

Ulrich Freese ist gern Lobbyist.
Ulrich Freese ist gern Lobbyist. FOTO: dpa
Der Spremberger Ulrich Freese hat auf die Angriffe von Greenpeace, ihn als Kohle-Lobbyist zu bezeichnen, mit Gelassenheit und Verwunderung reagiert. "Ich fühle mich geadelt", sagt der stellvertretende Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie, Energie im RUNDSCHAU-Interview.

Herr Freese, können Sie damit leben, von Greenpeace als Kohle-Lobbyist eingeordnet zu werden?
Ich wundere mich, dass dies erst 2013 passiert. Ich bin mit der Kohle großgeworden, habe nach 1990 in der Lausitz versucht, in diesem Bereich zu retten, was zu retten war. Letztlich habe ich mit dafür gesorgt, dass fünf Tagebaue erhalten geblieben und moderne Kraftwerke entstanden sind. Ich sage offen: Ich bin gern ein Lobbyist für die Kohle, die Arbeitsplätze und die Menschen in der Lausitz.

Und wie begründen Sie das?
Ich stehe zu dem, was ich tue. Weil ich nicht Lobbyist von Kapitalinteressen bin, sondern von Arbeitnehmern, von der gesamten Region. Ich bin zudem überzeugt, dass die Grundlastverstromung der Braunkohle ein wichtiger Beitrag für die industrielle Entwicklung in Deutschland ist.

Feinstaub, Kohle-Lobbyismus, Ausstiegsumfrage - wie bewerten Sie es, dass die Umweltorganisation Woche für Woche die Kohle an den Pranger stellt?
In der Debatte um die Gestaltung der Energiewende wird deutlich, dass es auch um die Grundlastversorgung mit Energie und um Bezahlbarkeit geht. Und das wird nicht ohne die einheimischen, günstig zu fördernden Rohstoffe und die umweltfreundliche Verstromung gehen. Und da sehen Lobbyisten der regenerativen Energien - wie Greenpeace - Gefahren für sich. Sie lösen eine Skandalisierungswelle gegen die Kohle aus, die beginnt mit: Lieske säuft ab, Kohlekraftwerke sind für den Tod Tausender Menschen direkt verantwortlich. Und nun werden ehrbare Menschen, die sich um den Wirtschaftsstandort Deutschland verdient gemacht haben, einfach diskriminiert und als fremdgesteuerte Interessensvertreter abgestempelt.

Es handelt sich bei den Personen aber auch um Arbeitnehmer-Vertreter. . .
Sicher. Und das ist für mich besonders gefährlich. Denn hier wird versucht, demokratisch gewählte Vertreter etwa in Aufsichtsräten in ihrer Integrität zu beschädigen. Das zeugt aus meiner Sicht von wenig Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland. Denn Mitbestimmung ist ein wichtiger Eckpfeiler der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Und wer mir unterstellt, dass ich ein Umweltfrevler wäre, der kennt mich nicht. Und weiß nichts über mein Wirken an unterschiedlichsten Stellen für ökologische Lösungen.

Aber acht von zehn Deutschen sind laut Greenpeace-Umfrage für einen raschen Ausstieg aus der Kohleverstromung. . .
Ich kenne die Details der Umfrage nicht. Ich sage aber, wenn ich mich mit den Arbeitnehmern in der Industrie unterhalte, die rund um die Uhr Strom braucht, dann wissen die: Der Ausstieg kann gar nicht so schnell bis 2030 oder 2040 gehen. Wir sind ganz am Anfang der Energiewende. Wo sollte denn im zurückliegenden Winter mit wenig Wind und wenig Sonne der Strom herkommen? Zumal eine ausreichende Speicherung bei Weitem nicht in Sicht ist. Deutschland braucht in der Spitzenlast etwa 70 000 Megawatt. Es gibt aber gerade mal ein Zehntel davon an Speicherkapazität.

All das ist Greenpeace aber doch auch bekannt.
Greenpeace läuft Gefahr, die in vielerlei anderen Bereichen erarbeitete Integrität aufs Spiel zu setzen.

Können Sie sich ein Energieministerium beim Bund vorstellen?
Das ist eine Idee der IG BCE. Dieses Ministerium haben wir vor zwei Jahren im Lichte des Wirrwarrs um die Energiewende gefordert. Wir sind in unseren Überlegungen soweit gegangen, dass wir sagen: Wir brauchen ein Energie- und Industrieministerium. Denn die Industrie ist die Basis unseres Wohlstandes. Bei den widerstreitenden Interessen von Umwelt- und Wirtschaftsministerium müssen Synergieverluste ausgeschaltet werden. Als SPD-Mitglied bin ich froh, dass die Parteiführung seit Monaten auf ein solches Ministerium drängt.

Die IG BCE Nordost berät zurzeit in Cottbus ihren Weg in die Zukunft. Wie soll der aussehen?
Wir wollen 2020 weiter als eigenständige Gewerkschaft bestehen. Das setzt voraus, dass wir mitgliederstark bleiben. Derzeit sind es 670 000 Mitglieder in Deutschland. Seit zwei Jahren schrumpfen wir nicht mehr, wir wachsen. Wir haben heute fast 2000 Mitglieder mehr in den Betrieben als noch 2010. Wir konzentrieren unsere Aktivitäten auch zukünftig auf die Betriebe. Und wir wollen unseren Einfluss in der Politik verfestigen und steigern. Was nur als mitgliederstarke Gewerkschaft zu realisieren sein wird. Wir stehen zur Nachhaltigkeit, aber nicht als Zweiklang, sondern als Dreiklang - zur Ökonomie und Ökologie gehört für uns unverzichtbar auch das Soziale.

Mit Ulrich Freese

sprach Christian Taubert