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| 02:40 Uhr

Goldstaub im Schrank

Schauen Sie lieber gleich mal nach. Vielleicht haben Sie ja auch so eine Art Goldstaub im Küchenschrank und ahnen es gar nicht.

So wie ich mit meinem alten RG 28. Immer noch in freundlichem Orange leuchtend, zuverlässig seine Dienste leistend. Und jedes Mal ein kleines Lächeln in mein Gesicht zaubernd, wenn er zum Einsatz kommt. Die Zuverlässigkeit des Handmixgerätes gleicht einem Wunder im Vergleich zur Wegwerf-Qualität mancher Haushaltsgeräte der Neuzeit.

Das haben auch andere (wieder)-entdeckt und bieten das robuste Küchenwunder aus DDR-Zeiten inzwischen fleißig bei ebay an. Ab 45 Euro aufwärts. Das gleicht einem Handel mit Goldstaub. Wie gut, dass der RG 28 als Hochzeitsgeschenk einst auch in unseren Haushalt einzog. Dafür an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank ans pfiffige Tantchen und ihr so praktische Denken beim Schenken. Eines sei ihr gleich mitversichert: Selbst wenn sich heute mit dem Handmixer treffliche Gewinne machen lassen, ich gebe meinen nicht her. Besitze ich doch damit ein Stück Weltgeschichte. Denn der Handmixer namens RG 28 hat es immerhin bis ins größte Wende-Museum der Welt geschafft. Das wurde ausgerechnet in den USA, im Herzen der kommerziellen Hollywood-Kultur, gegründet. Auf Initiative eines jungen Kulturhistorikers aus Los Angeles. Justinian Jampol wollte nicht zusehen, wie die Relikte des DDR-Alltags und der ehemaligen Ostblock-Staaten sang- und klanglos verschwinden. Mit Unterstützung renommierter Institutionen wie dem Getty-Center und dem britischen Arcadia Trust werden die ausgemusterten Zeugnisse des Gesellschaftsmodells Ost in L.A. wissenschaftlich aufgearbeitet. Jampol organisiert Ausstellungen und Tagungen, er lädt Künstler ein, sich mit der Sammlung zu beschäftigen.

Der Standort des kulturellen Zentrums für Erhaltung und Interpretation der Kunst und Geschichte des Kalten Krieges bietet aus Sicht seines Gründers und Direktors Unabhängigkeit und kritische Distanz zu den aktuellen politischen Debatten in Europa und erleichtert auch das Hinterfragen vorgefasster Vorstellungen über unsere Vergangenheit und Gegenwart.

Das verleiht dem robusten Handmixer im klassisch zweckmäßigen DDR-Design noch ganz andere, ideelle Werte. Nicht zu vergessen die unerschöpflichen Gesprächsthemen, die sich nun durch die nächsten Kochgruppen- und Frühstücksrunden, Familienfeiern und Mittwochsfrauentreffs ziehen werden. Das ist doch mal eine echte Bereicherung - eine, die nicht auf Kosten anderer geht.