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Görlitzer tragen Protest in ihre Stadt

Im Frühjahr hatten junge Beschäftigte des Görlitzer Bombardier-Werkes ihre Zukunftsaussichten symbolisch zu Grabe getragen.
Im Frühjahr hatten junge Beschäftigte des Görlitzer Bombardier-Werkes ihre Zukunftsaussichten symbolisch zu Grabe getragen. FOTO: Uwe menschner/ume1
Görlitz. Für den 4. März ist ein Aktionstag auf dem Marienplatz geplant. Es ist der Versuch, den kanadischen Konzern Bombardier zum Einlenken zu bewegen. Uwe Menschner

(ume1) Am 4. März heißt es in Görlitz "Butter bei die Fische". Für diesen Tag hat die IG Metall eine groß angelegte Kundgebung in der Stadt angekündigt, mit der auf die bedrohliche Situation des hiesigen Bombardier-Werkes aufmerksam gemacht werden soll. Gleichzeitig wollen die Metaller zeigen, dass sie die Pläne der Konzernspitze zum Abbau von Arbeitsplätzen und Kompetenzen nicht hinnehmen.

Bislang hat sich der Protest der Görlitzer Bombardier-Beschäftigten auf ein eng begrenztes Areal vor den Werktoren beschränkt. Doch jetzt wollen sie ihren Unmut dort kundtun, "wo die Menschen sind" - nämlich in der Görlitzer Innenstadt. Auf dem Marienplatz, einem der belebtesten Plätze im Görlitzer Zentrum, findet am 4. März von 10 bis 12 Uhr eine Kundgebung unter dem Motto "Für den Erhalt von Bombardier Görlitz" statt.

Der Ort ist nicht zufällig gewählt, würden sich doch die Konsequenzen einer starken Verkleinerung oder gar Schließung des Industriestandortes auf die ganze Stadt auswirken. "An jeder der hier momentan vorhandenen circa 2000 Stellen hängen drei bis sieben weitere Arbeitsplätze. Wenn wir jetzt nicht kämpfen, werden das später auch die Autohäuser, Bäcker, Elektronikhändler und Kinos zu spüren bekommen", macht Jan Otto, Bevollmächtigter der IG Metall für Ostsachsen, den Zusammenhang deutlich.

Bombardier zahlt einen für Görlitzer Verhältnisse hohen Tariflohn und trägt damit nicht unwesentlich zur Kaufkraft in der Stadt bei, die dennoch deutschlandweit zu den niedrigsten zählt: "Falls die Waggonbauer ihre Jobs verlieren, wird die Situation noch dramatischer."

Die von Bombardier-Vorstandschef Michael Fohrer unlängst öffentlich gemachten Umbaupläne für den Konzern hält der Gewerkschafter für nicht zukunftsfähig. "Wenn es Herr Fohrer bei seinen Überlegungen für den Standort Görlitz ausschließlich bei der Wagenkastenproduktion aus Aluminium belässt, dann ist dies das Ende für Görlitz. Dann hat der Standort perspektivisch keine Überlebenschance." Wagenkästen aus Aluminium würden nur selten ausgeschrieben, da diese nach Unfällen kaum reparabel seien. Bislang bestehen die Kernkompetenzen des Görlitzer Werkes in der Endmontage und im Bau von Doppelstockwagen.

Unterstützung bei ihrem Protest erhoffen sich die Görlitzer Waggonbauer jedoch nicht nur von den Bürgern ihrer Stadt und der näheren Umgebung, sondern auch von ihren Kollegen aus Bautzen. Diese haben laut den jüngsten Aussagen des Konzernchefs die besseren Zukunftsaussichten. Ihr Werk soll zum Kompetenzzentrum für die Serienfertigung ausgebaut werden. Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens (parteilos) hatte sich in einer ersten Reaktion erfreut über diese Entscheidung gezeigt, aber auch gemahnt: "Was den Standort Görlitz schwächt, kann auch negative Auswirkungen auf Bautzen haben. Wir sehen uns als eine Region, die bei Investoren national wie international wirtschaftlich immer stärker in den Fokus rückt."

Und in diese Kerbe haut auch Gewerkschafter Otto: "Was jetzt bekannt wurde, ist eine Momentaufnahme. Das kann im Juli, wenn die Konzernleitung Klarheit für die Entwicklung der einzelnen Standorte schaffen will, schon wieder ganz anders aussehen."

Zum Thema:
Die Beschäftigten des Zugherstellers Bombardier Transportation sollen bis Juli Klarheit über die Zukunft ihrer Standorte erhalten. Langfristige Garantien werde es nicht geben, erklärte Deutschlandchef Michael Fohrer allerdings mehrfach. Wie viele der 8500 Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr sind, ist unklar. Das Management will im größten deutschen Standort in Hennigsdorf die Serienfertigung von Zügen einstellen. Nur Prototypen und Testfahrzeuge für S- und U-Bahnen sowie Regional- und Fernzüge sollen dort noch entstehen. Die Serienfertigung soll an den Standort Bautzen gehen. Bombardier rechnet dafür mit Fördermitteln des Freistaates Sachsen. Görlitz soll sich auf Aluminium-Wagenkästen spezialisieren. Das weltweite Produktionszentrum für Loks ist in Kassel geplant, entwickelt werden sie in Mannheim. In Braunschweig sollen weiterhin Signal- und Steuerungstechnik entstehen, in Siegen Drehgestelle.