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| 19:00 Uhr

Luftverkehr
Flieger wieder im Aufwind

Ein Passagierflugzeug zieht seine Bahn in den blauen Himmel. Nach den Turbulenzen durch die Insolvenz von Air Berlin hat sich die Lage in der Branche beruhigt. Ob die Air-Berlin-Gläubiger jedoch zu ihrem Geld kommen, ist vollkommen ungewiss.
Ein Passagierflugzeug zieht seine Bahn in den blauen Himmel. Nach den Turbulenzen durch die Insolvenz von Air Berlin hat sich die Lage in der Branche beruhigt. Ob die Air-Berlin-Gläubiger jedoch zu ihrem Geld kommen, ist vollkommen ungewiss. FOTO: dpa / Boris Roessler
Berlin. Ein Jahr nach der Pleite von Air Berlin hat sich die Lage in der Branche etwas beruhigt. Dieter Keller und Dorothee Torebko

Vor einem Jahr, am 15. August 2017, musste Air Berlin Insolvenz anmelden. Das Aus für die zweitgrößte deutsche Fluglinie hatte nicht nur für Mitarbeiter und Gläubiger nachhaltige Konsequenzen. Auch der deutsche Flugmarkt ge­riet in Turbulenzen. Inzwischen hat sich vieles wieder beruhigt.

Das Flugangebot: Am 27. Oktober 2017 landete der letzte Flug von Air Berlin auf dem Flughafen Berlin-Tegel. Danach übernahm die Deutsche Lufthansa 77 der 140 Maschinen samt der Start- und Landerechte, dem eigentlichen Kapital der Fluglinie. Die Maschinen waren alle geleast, gehörten also Air Berlin gar nicht. Die meisten Flugzeuge gingen an die Lufthansa-Billigtochter Eurowings. 25 kaufte Easyjet samt der Flugrechte, weitere 20 der Tochter Niki nach längerem Hin und Her Niki Laudas Laudamotion. Er will die Mehrheit an Ryanair weiterreichen.

Der Übergang verlief reichlich chaotisch, weil die Übergabe der Maschinen und das Einstellen von Mitarbeitern Zeit brauchten. Zeitweise gab es viel zu geringe Kapazitäten insbesondere auf innerdeutschen Verbindungen, weshalb die Lufthansa zwischen Frankfurt und Berlin Jumbojets einsetzte.

Der Einbruch ist an den Zahlen des Flughafenverbands ADV abzulesen: Im ersten Halbjahr gab es innerdeutsch rund fünf Prozent weniger Passagiere als 2017, im Europaverkehr dagegen fast fünf Prozent Wachstum. Auch im Juni bremste noch das verminderte Angebot den Zuwachs. Die Angebotslücke werde „im Jahresverlauf noch geschlossen“, heißt es beim ADV.

Die Flugpreise: Nach der Pleite und dem Ende des Air-Berlin-Flugbetriebs schossen die Ticketpreise zunächst einmal in die Höhe, weil deutlich weniger Flüge angeboten wurden. Erst als die Konkurrenten Eurowings und Easyjet die Slots von Air Berlin übernahmen, konnten sich die Passagiere freuen: Die Preise fielen wieder. Mittlerweile sind Flüge innerhalb Deutschlands, Europas oder interkontinental so billig wie zuletzt im Jahr 2012. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor, die der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft auswertete.

Demnach waren im Juni Flüge günstiger als vor einem Jahr. Hauptgrund ist, dass das Angebot der Billigflieger rapide ansteigt. Je mehr Strecken sie besetzen, desto größer ist der Wettbewerb – und das senkt die Preise, auch wenn sie im Frühjahr im Schnitt noch höher waren als ein Jahr zuvor. Einzelne Tickets kosten Verbraucherschützern zufolge zwar immer noch mehr als vor einem Jahr, das betreffe aber vor allem die Monopol-Strecken.

Die Mitarbeiter: 85 Prozent der 8000 Mitarbeiter haben einen neuen Job bekommen, heißt es im Unternehmen. Allerdings häufig zu schlechteren Konditionen, ergänzt Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle. Am besten dran waren die Piloten, denn die sind europaweit und international gesucht. Für etwa 1000 Mitarbeiter, die Easyjet übernahm, konnte die Dienstleistungsgewerkschaft vergleichbare Konditionen aushandeln. Anders sah es bei der Lufthansa-Billigtochter Eurowings aus: Sie stellte zwar etwa 3000 Bord-Mitarbeiter ein. Aber alle mussten sich neu bewerben, und selbst wenn sie Erfolg hatten, dann nur mit erheblichen finanziellen Einbußen. Behle spricht von Lohnverlusten von bis zu 40 Prozent.

Gut gelaufen ist es dagegen laut Verdi für die Techniker und Mitarbeiter in der Verwaltung: Sie landeten erst einmal in einer Transfergesellschaft. Inzwischen haben viele eine neue Stelle, wenn auch oft in einem ganz anderen Feld. So bot das Land Berlin Jobs in seiner Verwaltung an, die händeringend Mitarbeiter sucht.

Die Gläubiger: Hunderttausende haben noch Ansprüche gegen Air Berlin, weil ihre Tickets verfallen sind. Im Gegensatz zu Pauschalreisen gibt es bei der Einzelbuchung von Flugscheinen keinen Insolvenzschutz. Wer einen Flug vor dem 15. August 2017, also dem Tag der Insolvenzanmeldung, gebucht und bezahlt hatte, der kann nur Forderungen bei Insolvenzverwalter Lucas Flöter anmelden. Der weiß allerdings nicht einmal, wie viele es sind. „Wir haben es bislang noch nicht geschafft, alle Gläubiger zu erfassen“, sagte der Insolvenzverwalter dem RBB-Inforadio. Er rechnet mit weit mehr als einer Million Gläubigern, darunter viele Ticketkäufer.

Dass sie noch Geld bekommen, ist eher unwahrscheinlich. Flöter weiß auch ein Jahr nach der Insolvenz weder, wie viele Schulden die Fluglinie hatte, noch wie viel er an Geld auftreiben kann, etwa bei Ex-Anteilseignern. Er überlegt, gegen die Fluggesellschaft Etihad zu klagen, die mit 29 Prozent beteiligt war und eigentlich zugesagt hatte, Air Berlin noch mindestens ein Jahr lang zu finanzieren. Bis das Insolvenzverfahren abgewickelt ist, kann es bis zu zehn Jahre dauern.

Wenn Flöter Geld bekommt, dann hat der Bund Vorrang. Er hatte kurzfristig 150 Millionen Euro Kredit gewährt, damit nach der Anmeldung der Insolvenz der Flugbetrieb nicht sofort zusammenbricht. Davon hat er erst die Hälfte zurückbekommen. Schafft er das mit dem Rest nicht, geht das – wieder einmal – zulasten des Steuerzahlers.