Es ist nur ein Nebensatz in den Ausführungen von Alex Sedlaschek, aber ein bedeutsamer. Der Aquarotter-Geschäftsführer erwähnt, dass die Schweizer Franke-Gruppe ein Familienunternehmen ist, geführt vom Inhaber Michael Pieper. Der Mittelständler zockt seine Betriebe nicht ab, sondern legt Wert auf ihre gute Ausstattung mit Eigenkapital. Die Ludwigsfelder können dadurch pro Jahr im Durchschnitt zwei Millionen Euro ohne Kreditaufnahme und ohne Zinslast investieren.

Und sie haben die finanzielle Kraft zur Entwicklung neuer Hightech-Produkte. Beides macht die 275 Arbeitsplätze sicher. In diesem Jahr wurde unter anderem eine neue Roboterstraße errichtet. Der Umsatz steigt von 48 Millionen auf 49,5 Millionen Euro.

Das 1997 entstandene Werk löste zwei Berliner Produktionsstätten der fusionierten Unternehmen Aqua Butzke und Rotter (Aquarotter) ab. Friedrich Butzke, der seinen Betrieb 1873 gründete, gilt als Erfinder des Druckspülers. Solche Armaturen, ob für WC, Dusche oder Handwasch-Bereich, arbeiten nach dem "Selbstschlussprinzip": Sie sperren nach einer eingestellten Zeit die Wasserzufuhr. Von den Betreibern öffentlicher Einrichtungen wird das aus Sparsamkeitsgründen dringend gefordert.

Aquarotter produziert nur für diesen Bereich und stellt daher ohne Ausnahme Armaturen her, die sich hydraulisch oder elek tronisch geregelt selbsttätig schließen. Armaturen aus Ludwigsfelde finden sich zum Beispiel in Tropical Islands, im Vattenfall-Kraftwerk Schwarze Pumpe, im Sport- und Leistungszentrum Cottbus, im Bahn-Fahrzeuginstandsetzungswerk Cottbus und in der Fiwave-Schwimmhalle Finsterwalde. Komplett ausgestattet wurde auch die Justizvollzugsanstalt Cottbus-Dissenchen.

Sedlascheks Mitarbeiterin Verena Töpfer-König erzählt, dass gerade in Gefängnissen besonders aufwendige Produkte zum Einsatz kommen. Die Spiegel sind aus Edelstahl, sie dürfen ja nicht splittern. WCs und Waschbecken sind so geformt, dass sie keinerlei Raum für Verstecke bieten, nichts ist abnehmbar verschraubt. An Handtuch-Haken kann sich niemand strangulieren, sie klappen ab einem bestimmten Gewicht einfach nach unten.

Armaturen im nichtprivaten Bereich müssen höchsten Ansprüchen genügen. Während ein Wasserspender in einem Vierpersonen-Haushalt täglich rund 40-mal betätigt wird, sind es in öffentlichen Einrichtungen 400-mal und mehr. Das stellt nicht nur besondere Anforderungen an die Haltbarkeit, die Konstrukteure müssen zusätzlich die Anonymität der Nutzer in Rechnung stellen. Viele Menschen würden mit Dingen, die ihnen nicht gehören, wenig sorgsam umgehen, sagt Töpfer-König.

Ein Teil der Armaturen aus Brandenburg ist dazu bestimmt, zu fliegen. Das Werk von Franke Aquarotter rüstet die gesamte A320-Familie von Airbus mit seinen Produkten aus, ebenso Flugzeuge der Hersteller Bombardier (Kanada) und Embraer (Brasilien). Auch der Riesen-Airbus A380 wird mit "äußerst leichten" und wassersparenden Waschplatzsystemen aus Ludwigsfelde ausgestattet. Die Airline Emirates setzt in ihren A380 sogar die bisher einzigen Duschanlagen in Flugzeugen ein.

Sämtliche Armaturen gehören zu den sicherheitsrelevanten Bauteilen der Maschinen. Sie dürfen unter keinen Umständen einen Kurzschluss durch Undichtigkeiten oder Überhitzung verursachen. Ihre elektrische Versorgung (Warmwasser, Pumpen) ist sensorisch mit der Bordelektronik vernetzt. Fällt eine Armatur aus, dann sieht das der Pilot und kann ihren Austausch veranlassen. Die Wartung der Armaturen erfolgt im Ludwigsfelder Werk. Von den 275 Beschäftigten sind hier 24 im Entwicklungsbereich tätig. Derzeit arbeiten die Ingenieure an der nächsten Generation "fliegender Armaturen". Sie soll unter anderem im künftigen A350 zum Einsatz kommen. Und der wird wie Boeings Dreamliner eine Rumpfkonstruktion aus Kohlefaserverbundstoffen besitzen. Das stellt neue Anforderungen selbst an die Armaturen, die zum Beispiel anders geerdet werden müssen als bei Aluminium-Rümpfen.

Generell gehört die elektronische Vernetzung der Armaturen seit Längerem zu den großen Entwicklungstrends. Mit dem "Wassermanagementsystem A 3000 open" bindet Aquarotter die Sanitärtechnik in die Gebäudeautomation ein. Das ist für die Überwachung aller Armaturen und ihre sparsame Wasserabgabe ebenso von Bedeutung wie für die Hygiene. Werden etwa die Toiletten einer Schule übers Wochenende nicht genutzt, so veranlasst das System Hygienespülungen, damit sich keine Legionellen vermehren können. Auch in Duschanlagen lässt sich die Legionellenbekämpfung automatisiert steuern.

Am 1. November ist zudem eine neue Trinkwasserverordnung in Kraft getreten, die ab 2013 verschärfte Grenzwerte für das Austragen von Metallen aus Armaturen vorsieht. Zu den Trends gehört deshalb auch das Auskleiden der metallischen Wasserspender mit Kunststoffen, die für den Lebensmittelbereich zugelassen sind. Sedlaschek fasst die Entwicklungsziele zusammen: Was immer an Neuem bei Franke Aquarotter entsteht, es muss hochwertige Funktionalität, ansprechendes Design, sparsamen Wasserverbrauch sowie die immer größer werdenden Ansprüche an Hygiene und Gesundheit miteinander vereinen.

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Zum ThemaIm November 2005 hatten die 300 Beschäftigten des Armaturenwerkes der Friedrich-Grohe-Gruppe in Herzberg (Elbe-Elster) ihre Kündigungen in der Tasche. Die Schließung des Betriebes gilt noch heute als Beispiel für die "Heuschrecken-Plage" durch internationale Finanzgruppen, die sich als Investoren ausgeben, Firmen aber nur ausnehmen. Ganz anders verlief die Entwicklung des zweiten brandenburgischen Armaturenwerkes, der Franke Aquarotter GmbH in Ludwigsfelde. Während für die Herzberger das Jahr 2005 ein schwarzes war, bildete es für die Ludwigsfelder den Abschluss der Integration von Aquarotter in die Franke-Gruppe. rbt1