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| 01:04 Uhr

Firmenchefs suchen Nachfolger

In etwa 31 100 Betrieben Südbrandenburgs und Ostsachsens steht in den kommenden Jahren ein Eigentümerwechsel aus Altersgründen bevor. Das sind nach Berechnungen der Handwerks- sowie der Industrie- und Handelskammern (HwK und IHK) von Cottbus und Dresden über ein Fünftel aller Betriebe. Pro Firma veranschlagen die Kammern durchschnittlich 4,5 Arbeitsplätze. Danach sind in beiden Regionen zusammen mehr als 140 000 Menschen von demnächst bevorstehenden Betriebsübergaben betroffen. Von Rolf Bartonek

Die Gründer-Generation des Nachwende-Jahres 1990 marschiert auf das Rentenalter zu. In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden sich in Ostdeutschland die Firmenübergaben stark häufen. Die Betriebsübergaben gestalten sich nach Angaben der Kammern häufig äußerst kompliziert. Gelingt eine Geschäftsübergabe nicht, gehen Arbeitsplätze verloren. Bundesweit sind das jährlich nahezu 30 000 Jobs, wie die IHK mitteilt. Nach Einschätzung der Kammern kümmern sich viele Firmeneigner zu spät um einen geeigneten Nachfolger. Aber selbst wenn sie es tun, stehen sie vor einer Fülle von Problemen.
Welche das sind, davon berichten Ilona Konzack (40) und Babett Schulz (35) im RUNDSCHAU-Gespräch. Ilona Konzack hat von ihrem Vater Erich (67) vor einem Jahr die Dubkowmühle im Spreewalddorf Leipe erworben. Babett Schulz wird 2006 von ihrem Vater Werner (61) zwei Kosmetikgeschäfte in Lübben übernehmen. In beiden Fällen handelt es sich um die vergleichsweise noch einfach zu realisierende Geschäftsübergabe an Familienangehörige. Aber auch hier war ein Hauptproblem zu lösen. Wovon soll der Vater, wovon sollen die Eltern nach der Geschäftsaufgabe leben„
Die meisten Selbstständigen in Ostdeutschland haben ihr gesamtes Vermögen oder einen großen Teil davon in den Geschäftsaufbau gesteckt. Ihnen blieb wenig übrig, um für das Alter anzusparen. Sie hoffen, durch den Verkauf ihres Betriebes das Geld zu erhalten, das sie für die Sicherung ihres Lebensunterhalts im Alter benötigen.
So ohne Weiteres geht diese Rechnung aber nicht auf. Denn die wenigsten Übernahme-Interessenten haben die finanziellen Mittel, ein Unternehmen cash zu bezahlen. In der Regel stellen sie als Unterneh-mer-Person für die Banken auch noch ein unbeschriebenes Blatt dar. Das hat Folgen. Werner Schulz beschreibt sie so: Neueinsteiger, die unternehmerische Fähigkeiten noch nicht nachgewiesen haben, erhalten selbst für den Kauf eines gut gehenden Betriebes gar keinen Kredit oder einen zu schlechten Konditionen.

Töchter zahlen Vätern Rente
Ilona Konzack und Babett Schulz haben das Problem anders gelöst. Sie zahlen ihren Vätern eine Rente. Aber die müssen sie Monat für Monat aus den laufenden Einnahmen erwirtschaften. Wären die Betriebe an Fremde abgegeben worden, dann würde eine solche Lösung für den Senior ein sehr hohes Risiko bedeuten. Darauf verweisen Jörg Fabiunke, Geschäftsführer der IHK-Bildungszentrum Cottbus GmbH, sowie Dan Hoffmann vom IHK-Referat Starthilfe und Unternehmensförderung. Selbst innerhalb der Familien bereiten Renten-Lösungen Kopfzerbrechen. Was, wenn die Geschäfte mal nicht mehr gut laufen“
Ilona Konzack und Babett Schulz berichten beide, dass der Erwerb des elterlichen Geschäfts für sie mit vie-len Ängsten verbunden war. „Ich hatte schon Zweifel, ob ich das packe“ , sagt Schulz. Bisher hat sie nur ihre eigene Parfümerie, künftig ist sie für drei Geschäfte mit acht hauptsächlich Teilzeitbeschäftigten zuständig. Konzack konnte inzwischen schon zeigen, dass sie mit ihren zehn Mitarbeitern Gastwirtschaft und Hotelbetrieb meistert.

Nicht jeder zum Chef geeignet
Die unternehmerische Eignung potenzieller Nachfolger im Chefsessel ist neben den finanziellen Engpässen ein weiteres großes Problem. „70 Prozent der Unternehmer suchen einen Nachfolger in der Familie, aber nur 42 Prozent können das realisieren“ , weiß Wolf Kempert, Chef der Gesellschaft für Unternehmensnachfolge und Unternehmensführung mbH aus Berlin, der auch für die IHK Cottbus tätig ist. Manchen Jungen sei es zu anstrengend, das elterliche Geschäft weiterzuführen. Andere seien fachlich oder als Persönlichkeit nicht geeignet.
Das Finden finanzieller und personeller Lösungen ist immer verbunden mit komplizierten Fragen des Steuer-, Erb- und gegebenenfalls auch des Gesellschaftsrechts sowie der Vertragsgestaltung. Wer hier nicht gut beraten wird, der kann viel Geld verlieren. Ilona Konzack und Babett Schulz schwärmen von der guten Beratung durch die IHK, die ihre finanzielle Ausgangsbasis erheblich gebessert habe. Beide kamen in den Genuss des von Brandenburg aufgelegten Förderprogramms „Innopunkt 8“ zur Regelung von Betriebsnachfolgen. Das Programm läuft noch bis zum nächsten Sommer, ist aber leider schon ausgebucht. In Südbrandenburg werden die Beratungen für 30 Betriebsübergaben gefördert, berichtet Dr. Manfred Haaken von der HwK Cottbus als zuständiger Projektleiter. Zwei Drittel davon sind Handwerksbetriebe. Das Programm ist freilich nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.
Die IHK Cottbus will ein „Unternehmens-Nachfolgeprogramm“ (siehe Kasten) starten und damit 2006 bis zu 80 Betriebe erreichen. Geboten werden Informationsseminare. Zudem gibt es für zwei Gruppen zu je zwölf Personen Intensivkurse. In ihnen werden Interessenten auf ihre unternehmerische Eignung durchgecheckt, aber auch für die Aufgaben im Chefsessel trainiert.

Hintergrund Informationsveranstaltung der IHK
Fördermöglichkeiten und Konzepte zur Begleitung von Betriebsübergaben stehen im Mittelpunkt einer Informationsveranstaltung der IHK für kleine und mittelständische Unternehmer.
Termin ist der 2. November um 17 Uhr im IHK-Bildungszentrum Cottbus, Goethestraße 1a. Die Teilnahme ist kostenfrei. Mit der Veranstaltung wird das „Unternehmens-Nachfolgeprogramm“ eingeleitet. Anmeldung unter (0355) 365 401.