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Recycling
Zum Weihnachtsfest ein großer Haufen Müll

Müll bis unter die Decke: Zu Ballen gepresstes Altpapier liegt in einer Lagerhalle in Stuttgart.
Müll bis unter die Decke: Zu Ballen gepresstes Altpapier liegt in einer Lagerhalle in Stuttgart. FOTO: Sina Schuldt / dpa
Waiblingen. Die Post bringt die Pakete im Karton. Zur Bescherung kommen sie in buntes Papier. Und auf den Recyclinghöfen wachsen die Müllberge. dpa

Fast bis zur Decke der Werkshalle stapelt sich beim Re­cyc­linghof Alba das Papier. Zeitungen, Papiertüten und – Karton, Karton, Karton. Alle paar Minuten fährt ein Lastwagen vor und lädt neue Massen ab. Wer mit offenen Augen durch die Lausitz fährt, entdeckt auch vor Ort überquellende Container.

„Rund um die Feiertage steigt der Konsum deutlich, das merken wir auch hier“, sagt Halil Eroglu, Leiter der Niederlassung in Waiblingen. Im Durchschnitt verarbeitet der Betrieb jeden Tag rund 500 Tonnen Papier – an Tagen wie diesen können es auch mal 900 sein. Um der Mengen Herr zu werden, legt man zurzeit Extraschichten an Samstagen ein. Alba ist nach eigenen Angaben der größte Recyclinghof im Südwesten.

Die Bestell-Begeisterung der Deutschen zeigt sich hier von ihrer dreckigen Seite: Im November und Dezember landen zehn bis 15 Prozent mehr Papier und Kartonagen beim Recyclinghof als in anderen Monaten. Die Tendenz ist von Jahr zu Jahr steigend: Der Bundesverband Paket & Expresslogistik geht für das diesjährige Weihnachtsgeschäft von bis zu 30 Millionen Sendungen aus – das sind neun bis elf Prozent mehr als 2016. Schon im vergangenen Jahr war gut die Hälfte des deutschen Abfalls altes Papier – so lautet die Abfallbilanz des Umweltbundesamtes. 79 Kilo Papier wanderten im vergangenen Jahr pro Kopf in die Tonne, in den Jahren davor sogar noch einige Kilo mehr. Im Jahr 1990 war es lediglich rund die Hälfte.

Für die Absender der Päckchen stehen im Vordergrund: „der Schutz der Ware beim Transport“ und „die Erscheinung des Paketes beim Empfänger“, wie der Präsident des Bundesverbands Onlinehandel, Oliver Prothmann, betont. Man denke aber über Mehrwegsysteme nach, heißt es. Den Papierberg können Händler allerdings nicht allein verkleinern – jeder Einzelne ist gefragt: Umweltschützerin Angelika Krumm von der Organisation Robin Wood schlägt vor, auf Geschenkpapier zu verzichten und wiederverwendbare Beutel zu verwenden. Der Leiter der Initiative Pro Recyclingpapier, Sönke Nissen, bedauert, dass viele Verbraucher Frischfaserpapier trotz ökologischer Nachteile immer noch als hochwertiger empfänden und deshalb bevorzugten. „Das Umdenken hat begonnen“, sagt Nissen. „Aber es ist noch Luft nach oben.“

Das Gesetz schreibt vor: Verpackungen sollen wiederverwertet werden und die Umwelt möglichst wenig belasten. Deshalb bestehen sie in der Regel aus recyceltem Papier. Umweltschützerin Krumm warnt jedoch: „Die Botschaft ,Karton aus Altpapier ist nachhaltig‘ täuscht über die Verschwendung der Verpackungsgrößen und die steigenden Mengen hinweg.“ Papier ließe sich bis zu sieben Mal recyceln, danach müssten frische Fasern zugeführt werden. Außerdem verwendeten manche Händler bedruckte Kartonagen oder Folien, die mehr Ressourcen fräßen, erklärt Krumm. „Die Verpackungsindustrie ist sehr innovativ und denkt sich immer Neues aus“, bestätigt Eroglu. Die Abfall-Experten müssen immer neu einstufen, welches Material sie wie verwerten können.

Während das Papier auf dem Recyclinghof von einer Halle zur nächsten wandert, trennen sich Kartonagen von Zeitungen und Folien von Tüten – teilweise automatisch, teilweise händisch. „Wir fischen hier in unserer Anlage alles heraus, was man sich vorstellen – oder auch nicht vorstellen – kann“, sagt Jochen Reinhard, der mit ­Eroglu den Standort Waiblingen leitet. Mixer, Gläser und sogar Haustiere wandern zuweilen in die Papiertonnen. Wenn das fein sortierte Papiermaterial im Keller zu dicken Ballen gepresst wird, hat es einen langen Weg hinter sich.

Von der Papiersortierung werden die Ballen in Papierfabriken transportiert und zu neuem Papier verarbeitet. Reinhard hält die Wiederverwertung für eine Erfolgsgeschichte: „Die Deutschen waren schon immer Abfalltrennweltmeister, aber das Umweltbewusstsein ist in den vergangen Jahren noch gestiegen. Recycling ist heute sexy.“ Für seinen Kollegen Eroglu ist das die Bedingung dafür, dass er die Mengen akzeptieren kann: „Solange alles wiederverwertet werden kann, ist es okay. Wenn man manches aber nur beseitigen kann, ist das schade. Denn das bedeutet Verbrennung.“