Von Dorothee Torebko

Wenn Viktoria Walter morgens ins Auto steigt, geht der Stress los. Bevor sie zur Arbeit fährt, muss sie sich durch zäh fließenden Verkehr quälen, häufig im Stau stehen und warten, warten, warten. 45 Minuten braucht die IT-Managerin am Vivantes Klinikum in Berlin, um von ihrem Wohnort im Brandenburgischen Schönwalde-Glien in die Hauptstadt zu kommen. Mal mehr, selten weniger.

„Wenn es eine gute Zuganbindung gäbe, würde ich mit Bus und Bahn kommen. Gibt es aber nicht. Also fahre ich lieber Auto statt anderthalb Stunden mit der Bahn zu vergeuden“, sagt sie.

Die 37-Jährige spricht damit vielen Pendlern aus der Seele. Wenn die Alternativen attraktiv wären, würden viele umsteigen. Im Klimaschutzpaket hat die Bundesregierung festgehalten, den ÖPNV zu fördern und Fernverkehrstickets billiger zu machen. Das ist dringend nötig. Denn es gibt so viele Pendler wie nie zuvor. Und es werden immer mehr.

Der Staat fördert sie, indem er jedes Jahr auf fünf Milliarden Euro Steuergeld über die Pendlerpauschale verzichtet, der Bund spendiert zudem 1,6 Milliarden Euro, um die Verkehrsverhältnisse der Gemeinden zu verbessern. Als Konsequenz der Fahrerei staut sich der Verkehr in Städten. Das bedeutet Staus, Stress und kann zu Gesundheitsschäden führen. Zugleich wachsen die Metropolen immer weiter: Die Straßen werden voller, während sich Tausende in Busse und Bahnen quetschen.

18,4 Millionen Pendler gibt es nach Angaben des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Deutschland. Damit müssen die meisten Deutschen – 60 Prozent – täglich vom „Wohnort zur Arbeit in eine andere Gemeinde fahren“, wie die Pendler-Definition lautet. Die Gründe sind unterschiedlich. Für einige kommt es nicht infrage, dass sie mit einem jobbedingten Umzug die Kinder aus dem gewohnten Umfeld nehmen oder dass der Partner seine Karriere aufgibt. Andere finden auf dem strukturschwachen Land keinen Arbeitsplatz. Für Dritte ist die Verwurzelung in der Region entscheidend.

Warum steigt die Zahl vor allem der Langstreckenpendler an? „Die Entscheidungsfindung bei Paaren hat sich verändert. Paare, bei denen beide Partner Fachkräfte sind, finden selten wohnortnah passende Arbeit“, erläutert Heiko Rüger vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Deshalb müsse einer oder gar beide pendeln. „Außerdem sind befristete Arbeitsverträge relativ weit verbreitet. Da wägen viele ab, ob sich ein Umzug überhaupt lohnt.“ Auch die Wohnungspreise in Metropolen hätten damit zu tun, dass viele sich das Leben in der Stadt oder Stadtrand nicht leisten können und lange Pendelstrecken auf sich nehmen. Doch das hat Folgen für die Gesundheit.

Wie stark Fahrer unter Strom stehen, hat der britische Stressforscher David Lewis 2004 untersucht. Er fand heraus: Droht ein Pendler seinen Zug zu verpassen, kann sein Stresspegel stärker steigen als der von Kampfpiloten im Einsatz. Menschen, deren Anfahrt täglich mehr als 90 Minuten ist, leiden häufiger an Erschöpfung, Konzentrationsschwäche und Kopfschmerzen. Laut eines Reports der Techniker Krankenkasse erhöht Pendeln das Risiko, psychisch zu erkranken. Die Fehlzeiten seien laut TK bei Pendlern zehn Prozent höher als bei Beschäftigten mit kurzem Arbeitsweg.

Pendeln belastet nicht nur die Mitarbeiter. Aufgrund der Fahrerei geht Unternehmen Arbeitszeit und damit Geld verloren. Flexible Arbeitszeiten sind in vielen Betrieben zu finden.

Die Telekom bietet ebenfalls Modelle wie Heimarbeit an. Alternative Verkehrsmittel sind im Kommen, um Straßenverkehr zu reduzieren: Bei Bosch und anderswo können Mitarbeiter statt mit dem Auto mit einem geleasten Rad in die Firma kommen. In anderen Unternehmen wird die Bahncard 100 mitfinanziert. Doch auch der Arbeitnehmer kann etwas tun, sagt Heiko Rüger vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

„Wir empfehlen die Zeit etwa in der Bahn sinnvoll zu nutzen. Hörbücher zu hören, zu lesen oder einfach nur zu entspannen.“ Doch reicht das aus? Wer die Bahn nutzen will, braucht eine gute Anbindung. Wer zur Arbeit radeln will, ausgebaute Wege. In beiden Punkten hat Brandenburg Nachholbedarf. Um den Radverkehr steht es schlecht, glaubt man einer Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). Die Note 4 vergaben 5600 Brandenburger für die Rad-Infrastruktur.

Viele Orte seien laut ADFC nur mit Bussen erreichbar, die keinen Platz für Räder hätten. Damit nicht genug: Statt billiger werden die Regionalzüge künftig teurer. Durchschnittlich werden die Preise ab Januar um 3,3 Prozent steigen, gab der VBB am Donnerstag bekannt. In Brandenburg wird die Einzelfahrkarte um zehn Cent teurer. Der Grund sind die gestiegenen Personalkosten.

Gute Nachrichten gibt es für Fernkunden. ICE und IC sollen bald zehn Prozent billiger werden – auch für Bahncard-100-Nutzer, die meist Pendler sind.

Entscheidend ist, das betonen Mobilitätsexperten, dass es dem Pendler leicht gemacht wird. Häufig müssen Arbeitnehmer viele verschiedene Verkehrsmittel nutzen, um zum Ziel zu kommen. Das frisst Zeit und ist mühsam.

Die Digitalisierung kann helfen: Apps wie Jelbi (bisher nur für Berlin) oder der DB Navigator kombinieren verschiedene Mobilitätsoptionen. Zuerst kommt der Passagier mit dem Sammeltaxi zur Bahn, steigt dann in den Zug und fährt die letzten Meter per Rad. Einige nutzen diese Formen schon. Für andere insbesondere auf dem Land sind sie Zukunftsvision.

Ist die Lösung der Verzicht aufs Pendeln? Nein, sagen Forscher. „Optimal sind etwa 10 bis 20 Minuten“, sagt Heiko Rüger vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

Pendeln könne auch die Funktion einer Pufferzeit haben. Eine Zeit, in der der Pendler die Berufsrolle abstreift und in die Privatrolle schlüpfen kann – und einmal am Tag zur Ruhe kommt.