| 21:18 Uhr

Anhörung vor US-Kongress
Zuckerbergs Gang nach Canossa

Mark Zuckerberg kommt zur Anhörung im US-Kongress.
Mark Zuckerberg kommt zur Anhörung im US-Kongress.
Washington. Es ist wohl der bisher schwierigste Moment in der Karriere von Mark Zuckerberg: Im Datenskandal stellt sich der Facebook-Chef seiner ersten Anhörung im US-Senat. Er bittet um Entschuldigung und macht Zugeständnisse - um Schlimmeres zu verhindern. Frank Herrmann, Washington

Mark Zuckerberg trägt Krawatte und Jackett, ungewohnt für einen Mann, der normalerweise T-Shirt und Jeans bevorzugt. Er sitzt im Rechts- und Handelsausschuss des Senats. Es ist ein Ausflug auf fremdes Terrain. Zuckerberg, weiß man, fliegt nicht gern nach Washington. Wenn im Parlament und bei der Regierung die eigenen Interessen zu vertreten sind, überlässt er das meistens seiner rechten Hand Sheryl Sandberg, die einst Stabschefin bei Ex-Finanzminister Larry Summers war.

Zuckerberg beginnt mit seinen Ausführungen. Er liest sie vom Blatt ab. "Sie haben zurecht einige unbequeme Fragen." Facebook sei ein idealistisches, ein optimistisches Unternehmen, darauf konzentriert, Menschen miteinander zu vernetzen. "Es ist klar, dass wir nicht genug getan haben, um den Missbrauch von Daten zu verhindern."

Was den 33-Jährigen erwarten würde, hat der Senator Ron Wyden schon vorab in schonungsloser Offenheit skizziert. "Herr Zuckerberg wird zwei sehr unangenehme Tage im Kongress verbringen", orakelte der Demokrat aus dem Pazifikstaat Oregon. Und wie sich der Facebook-Chef der geballten Kritik an gigantischem Datenmissbrauch zu stellen gedachte, machte er bereits deutlich, bevor er am Dienstag im Rechts- und Handelsausschuss des Senats und am Mittwoch im Energie- und Handelskomitee des Repräsentantenhauses erschien. "Wir haben unsere Verantwortung nicht breit genug gesehen, und das war ein großer Fehler", war in einer Erklärung zu lesen. "Es war mein Fehler, und es tut mir leid. Ich habe Facebook gegründet, ich führe es, und ich bin verantwortlich für das, was hier geschieht." Reue zeigen, Korrekturen zusagen und dabei das Anzeigenmodell als den Geldbringer von Facebook verteidigen, so ließe sich Zuckerbergs Verteidigungsstrategie vielleicht zusammenfassen.

"Können die Nutzer Ihnen trauen?"

Dass es der wohl schwierigste Moment in der steilen Karriere eines Computergenies ist, lässt allein schon die Replik Richard Blumenthals, eines Senators aus Connecticut, erkennen. Zuckerberg müsse bessere Antworten haben als nur ein banales "Ich habe einen Fehler gemacht", sagte er dem Wall Street Journal. "Er hat nicht einfach nur Milch auf dem Frühstückstisch vergossen." Das wahre Problem sei das Geschäftsmodell. "Können die Nutzer Leuten wie Ihnen trauen, dass sie verantwortungsvoll mit ihren persönlichen Informationen umgehen?", fragt Blumenthals Parteifreund Bill Nelson zu Beginn der Anhörung. Wenn Facebook nicht energisch handle, werde es der Kongress tun.

Die Reise aus dem Silicon Valley nach Washington, sie steht ganz im Zeichen eines Mea culpa. Sie ist eine bis ins Detail geplante Übung ins Schadensbegrenzung. Zuckerberg soll für seine Auftritte geübt haben, wie es Präsidentschaftsbewerber vor einer Kandidatendebatte tun. Beraten von Rhetorikexperten, die beim Training den Part kritisch nachfragender Volksvertreter übernahmen. Ausgelöst wurde die Krise durch den Skandal um das Abschöpfen der Daten von bis zu 87 Millionen Facebook-Nutzern durch die britische Politikberatungsfirma Cambridge Analytica, die dann unerlaubt für die Kampagne Donald Trumps genutzt wurden. Im US-Parlament ist es denn auch die Opposition, die am lautesten vor massiver Beeinflussung amerikanischer Wahlkämpfe durch Akteure im Ausland warnt, in diesem Fall durch russische.

"Das wirft eine moralische Frage auf, weil die Facebook-Plattform zur Waffe gemacht wurde, um unserer Demokratie zu schaden", meldete sich die Kalifornierin Anna Eshoo zu Wort. Sie glaube, dass ein amerikanisches Unternehmen eine Verantwortung gegenüber Amerika habe. Doch auch in den Reihen der Republikaner mangelt es nicht an Politikern, die dazu raten, sich ausnahmsweise ein Beispiel an den Europäern zu nehmen und die ausgesprochen lockeren Datenschutzregeln der USA durch zeitgemäße zu ersetzen.

Zuckerberg macht Zugeständnisse

Ob Zuckerbergs selbstkritische Pose ausreicht, um den Kongress milde zu stimmen, wird sich zeigen. Noch vor den Anhörungen hatte er technische Nachrüstungen in Aussicht gestellt. Man habe es versäumt, mehr gegen den Missbrauch von Netzwerken zu tun, räumte er ein. Dies gelte für die Verbreitung von Falschmeldungen, für Hasspropaganda und ausländische Einmischung in Wahlkämpfe ebenso wie für den Zugriff auf Nutzerdaten. Künftig wolle man Apps genauer kontrollieren und gegebenenfalls sperren - er meint damit Apps, wie sie der Cambridge-Professor Aleksandr Kogan entwickelte, um im Zuge eines Persönlichkeitstests Daten zu sammeln, nicht nur bei interessierten Facebook-Nutzern, sondern auch bei deren Freunden. Bei digitalen Anzeigen politischen Inhalts soll demnächst ausgewiesen werden, was sie gekostet haben und wer dafür bezahlt, beides einsehbar für die Öffentlichkeit.

Es sind Zugeständnisse, mit denen Zuckerberg zu verhindern versucht, dass die Legislative Gesetze beschließt, die den Kern seines Geschäftsmodells – gezielt zugeschnittene Werbung - ernsthaft infrage stellen. Facebook, hat er bislang argumentiert, reguliere sich am besten selbst.