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| 18:35 Uhr

Strukturwandel
Brüssel nimmt die Lausitz ins Visier

Wasserdampfwolken über dem Kraftwerk Jänschwalde. Wie sehen die langfristigen Perspektiven für den Standort aus?
Wasserdampfwolken über dem Kraftwerk Jänschwalde. Wie sehen die langfristigen Perspektiven für den Standort aus? FOTO: dpa / Patrick Pleul
Cottbus. Die Uhr tickt. Welche wirtschaftlichen Alternativen hat die Lausitz nach einem Aus für die Braunkohle? Bei der Antwort auf diese Zukunftsfrage soll den Brandenburgern und Sachsen Maroš Šefcovic helfen. Mit dem EU-Energiekommissar kommt am Mittwoch ein einflussreicher Europapolitiker nach Südbrandenburg. Von Jan Siegel

Maroš Šefcovic kann an den ganz dicken Strippen ziehen. Der mächtige Vizepräsident der EU-Kommission ist als Energiekommissar auch der Herr über die ganz großen Kassen. Sein kurzfristig angekündigter Besuch wird daher nicht nur in der brandenburgisch-sächsischen Grenzregion mit großen Erwartungen verknüpft.

Šefcovic ist als Energiekommissar der Europäischen Union der entscheidende Treiber beim Aufbau einer europäischen Energieunion. Deren Hauptziel ist es, den Energiemarkt Europas unabhängiger zu machen von Zulieferungen aus anderen Regionen der Welt.

Der EU-Kommissionsvize Maroš Šefčovič könnte eine wichtige Rolle bei der Suche nach einer wirtschaftliche Zukunft für die Lausitz spielen.
Der EU-Kommissionsvize Maroš Šefčovič könnte eine wichtige Rolle bei der Suche nach einer wirtschaftliche Zukunft für die Lausitz spielen. FOTO: dpa / Soeren Stache

Auf Lausitztour

Maroš Šefcovic will in der Lausitz das Kraftwerk Jänschwalde besuchen, sich an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg mit Kraftwerks- und Speicherfachleuten treffen und auf dem Dekra-Test-Areal am Lausitzring in Klettwitz das Thema autonomes Fahren und Elektromobilität diskutieren.

Die Lausitz könnte zu den großen Profiteuren gehören, wenn es um den Aufbau einer europäischen Energieunion und die Entwicklung neuer Energiespeicher geht, die in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Das jedenfalls wünscht sich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Im Zusammenhang mit dem Braunkohleausstieg und dem damit verbundenen unvermeidlichen wirtschaftlichen Strukturwandel in der Lausitz hatte Altmaier die Region an der Grenze zu Polen als einen möglichen Standort für eine Gigafabrik zur Batteriezellenproduktion ins Gespräch gebracht. Dafür setzt Altmaier auf finanzielle Unterstützung durch die EU. Es geht um Milliardensummen. Deshalb wird dem Besuch von EU-Kommissar Šefcovic eine so große Bedeutung beigemessen.

Deutsche Autobauer: Kein Interesse

„Mit Blick auf die Zukunft der Elektromobilität ist die Ansiedlung einer Batteriezellfertigung in Deutschland und Europa ein bedeutendes wirtschafts- und industriepolitisches Ziel“, zitierte die österreichische Nachrichtenagentur Apa den deutschen Wirtschaftsstaatssekretär Christian Hirte am Wochenende. Der Staat müsse der deutschen Autoindustrie bei ihren Bemühungen, auf klimafreundliche Antriebe umzustellen, unter die Arme greifen. Und Technologieführerschaft bei der Zelle – zentrale Komponente des Elektroantriebs – ist nach Ansicht der Politik technologisch lebenswichtig für die deutsche Autoindustrie und sollte deshalb nicht den Herstellern aus Asien überlassen bleiben.

Angesichts solcher Einschätzungen verwundert es einigermaßen, dass die großen deutschen Autohersteller bisher abwinken, wenn es um die Beteiligung an einem Batteriezellen-Gigaprojekt geht. Sie denken bisher nicht daran, selbst zu investieren und setzen auch langfristige Lieferungen asiatischer Hersteller.

Beherrscht wird der Batteriezellenmarkt aktuell von Firmen aus Südkorea und China. Samsung und LG sind mit hochautomatisierten Fabriken in der Lage, Speicherzellen bisher unschlagbar günstig herzustellen. Dafür haben chinesische Investoren beispielsweise auch in die fränkische Firma Kuka investiert. Das Unternehmen ist beim Aufbau automatisierter Fabriken zur Zellenproduktion führend.

Ist der Vorsprung uneinholbar?

Kritiker einer europäischen Batteriezellen-Initiative sind skeptisch. Sie zweifeln daran, dass sich der Vorsprung der etablierten Hersteller wie SKI, LG Chem und Samsung SDI aus Korea oder Contemporary Amperex Technology (CATL) aus China überhaupt noch aufholen lässt. Denn LG produziert bereits in Polen, Samsung und SK bauen Werke in Ungarn, und CATL plant eine Zellenfabrik in Thüringen. Die Meinungen gehen auseinander.

So hatte die Unternehmensberatung Boston Consulting gewarnt, dass sich bis zum Jahr 2021 ein Kapazitätsüberschuss bei der Zellenproduktion von weltweit 40 Prozent aufbaue. Das würde die Preise einbrechen lassen, und neue Anbieter könnten kaum etwas verdienen.

Fachleute der Beraterfirma McKinsey und auch vom Fraunhofer-Institut sehen das anders: Der Bedarf an Batteriezellen werde bis Mitte der 20er-Jahre, wenn die deutschen Autobauer Millionen E-Autos verkaufen wollen, so groß sein, dass noch viel Platz für neue Hersteller sei. „Das Rennen ist noch nicht entschieden“, sagt Hans-Martin Henning, Direktor am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg. Es sei jetzt der richtige Zeitpunkt, einzusteigen und aufzuholen.

Die großen deutschen Autohersteller Daimler, BMW und Volkswagen bleiben trotzdem skeptisch. Sie lassen sich von den Asiaten beliefern und wollen das auch auf absehbare Zeit weiter so halten.

BASF ist mit im Boot

Trotzdem könnte jetzt ein europäisches Batteriezellenkonsortium entstehen. Mit dem Batteriehersteller Varta, dem Chemieriesen BASF, der auch in der Lausitz ein Werk betreibt, und der deutschen Vertretung des US-Autobauers Ford haben sich womöglich die ersten Firmen für das angestrebte Konsortium gefunden. Das sind nach Recherchen der RUNDSCHAU im Augenblick die Unternehmen, die bereits in intensiven Gesprächen mit Altmaiers Wirtschaftsministerium sein sollen.

Offizielle Bestätigungen dafür aber gibt es aus dem Ministerium bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Eine BASF-Sprecherin hatte lediglich bestätigt, es gebe ein Treffen mit Altmaier in dieser Woche. Gelegenheit dazu dürfte die „Vernetzungskonferenz Elektromobilität 2018“ bieten, zu der das Bundeswirtschaftsministerium in dieser Woche nach Berlin eingeladen hat. Bei der Konferenz mitdiskutieren wird auch Energiekommissar Šefcovic.

Der EU-Politiker nutzt seine Visite in der deutschen Hauptstadt nicht nur für den Abstecher in die Lausitz. Bereits am Dienstagabend will er mit Landespolitikern aus Brandenburg ins Gespräch kommen.