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| 19:15 Uhr

EU-Außenhandel und Migration
Riskante Geschäfte mit Afrika

Straßenhändler in Südafrika, 2016: Bei Lebensmitteln konkurrieren einheimische Produzenten in afrikanischen Staaten mit Importware, zum Beispiel aus der EU, die häufig billiger ist.
Straßenhändler in Südafrika, 2016: Bei Lebensmitteln konkurrieren einheimische Produzenten in afrikanischen Staaten mit Importware, zum Beispiel aus der EU, die häufig billiger ist. FOTO: picture alliance / dpa / Nic Bothma
Niemitz/Cottbus. Zuwanderung aus Afrika hängt mit Europas Wirtschaftspolitik zusammen, sagt Asfa-Wossen Asserate. Der Buchautor hat eine klare Vorstellung, wie sich das Verhältnis zwischen Europa und Afrika ändern müsste – zum Wohl der Menschen beider Kontinente. Von Oliver Haustein-Teßmer

Tomatenmark in Dosen, aus Italien, aufgetürmt zu mannshohen Pyramiden. Daneben Frühstücksflocken und am Fleischstand Hähnchenflügel, alles importiert aus der Europäischen Union. So beschreibt Asfa-Wossen Asserate das Angebot auf dem Markt einer ghanaischen Stadt.

Nicht, dass es in Ghana keine Tomatenbauern gäbe. Oder Geflügelzüchter und Landwirte, die Mais anbauen. Asserate, der aus Äthiopien stammt und als Unternehmensberater in Frankfurt am Main Firmenkontakte nach Afrika vermittelt, sagt, dass EU-Subventionen europäische Lebensmittel günstiger machen als afrikanische Waren und so einheimische Produzenten wie in Ghana ruinieren. Asserate spricht auf Einladung des Rotary Clubs Lübben-Spreewald im Van-der-Falk-Hotel in Niemitz über den Zusammenhang von Armut in Afrika und europäischer Wirtschaftspolitik. Seine Thesen hat der 69-Jährige in dem Buch „Die neue Völkerwanderung“ veröffentlicht.

Der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie plädiert für einen neuen Ansatz der Entwicklungspolitik – auf Augenhöhe mit den Menschen Afrikas. Dafür wird Geld aus Europa notwendig sein, meint Asserate. Wobei er einen Marshallplan für Afrika, wie ihn Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) vorgeschlagen hat, kritisch sieht; Autokraten dürften sich die Taschen nicht noch voller machen.

Asserate setzt auf wachsende wirtschaftliche Verflechtungen. Bisher haben Firmen aus Europa allerdings vergleichsweise wenig mit Afrika zu tun. So hat Brandenburg 2017 Waren im Wert von 205 Millionen Euro nach Afrika exportiert, das entspricht 1,6 Prozent der Gesamtexporte ins Ausland, wie Silke Schwabe, Bereichsleiterin International der IHK Cottbus, sagt. Und es gibt Risiken wie schwächelnde Volkswirtschaften wie in Südafrika, Arbeitslosigkeit und steigende Staatsschulden. Investoren aus Deutschland müssten deswegen Schutz erhalten, sagt Asfa-Wossen Asserate. Etwa, wenn ein Kunde aus Afrika die Warenlieferung nicht bezahlen kann. Dafür sind Hermes-Versicherungen gedacht. Asserate fordert, dass die Bundesregierung diese Bürgschaften aufstockt und Mittelständler unterstützt, wenn diese auf Dauer in Afrika investieren wollen.

Der chinesische Staat garantiert seinen Firmen Schadenersatz bei Totalausfällen. China geht es um billige Arbeitskräfte – in afrikanischen Staaten ist die Bevölkerung relativ jung – und um Rohstoffe. Auch die IHK in Cottbus beobachtet das. Man befürchte, dass Exportmargen für europäische Unternehmen verloren gingen, „während asiatische Unternehmen den Kontinent erobern und hier bereits in Größenordnungen investieren“, sagt IHK-Expertin Schwabe. Asserate nennt das Neokolonialismus: Agrarland und Rohstoffe würden aufgekauft, chinesische Billigwaren, T-Shirts, die nach einmal Waschen zerfielen, und Kondome, die bei Gebrauch platzen, überschwemmten Afrikas Märkte.

Rohstoffe gegen Billigwaren: Ja, einerseits. Anderseits, darauf weist die Cottbuser IHK hin, habe sich die Infrastruktur in Afrika vor allem aufgrund chinesischen Engagements verbessert. Während China bereits heute in großem Maßstab profitiert, gilt Afrika in der Lausitz eher als Zukunftsmarkt. Immerhin, die brandenburgischen Exporte dorthin, darunter von Maschinen, Landtechnik und Lebensmitteln, sind – von niedrigem Niveau aus – zwischen 2013 und 2017 um 23 Prozent gestiegen. Marita Enke, Präsidentin des Lübbener Rotary Clubs, schlägt in Niemitz vor, dass ihre Vereinigung für nachhaltige Geschäfte mit Afrika werben sollte: „Vielleicht kommen dann nicht mehr so viele Leute aus Afrika, weil sie ja dann dort gebraucht werden.“

Wenn sich das wirtschaftliche Verhältnis zwischen beiden Kontinenten nicht ändert, fallen die Probleme Afrikas auf Europa zurück, sagt Asfa-Wossen Asserate. In Italien gebe es in jedem Jahr Tausende Saisonkräfte aus Afrika. In Apulien helfen sie, die Tomatenernte einzubringen. Manchmal unter fast sklavischen Bedingungen. Dennoch bleiben sie. Darunter Tomatenbauern, die laut Asserate in Ghana pleite gegangen sind, weil italienisches Tomatenmark dort auf dem Markt so billig zu haben ist.