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| 19:02 Uhr

Wirtschaft
Erzgebirgler statten deutsche Museen aus

 Seiko-Technik-Geschäftsführer Jan Wabst (l.) und Mike Köhler als Technischer Leiter machen einen Testlauf vor einer interaktiven Medienwand in der Seiwo Technik GmbH-Werkstatt in Scharfenstein.
Seiko-Technik-Geschäftsführer Jan Wabst (l.) und Mike Köhler als Technischer Leiter machen einen Testlauf vor einer interaktiven Medienwand in der Seiwo Technik GmbH-Werkstatt in Scharfenstein. FOTO: dpa / ---
Scharfenstein. Ob für die Gedenkstätte Buchenwald oder das Porsche Museum Stuttgart - ein kleiner Mittelständler aus dem Erzgebirge baut Ausstellungsmöbel für die renommiertesten Museen Deutschlands. Die Brüche der Wende erweisen sich dabei manchmal sogar als Vorteil. Von Claudia Drescher

An den Wänden hängen schon die ersten Zeichnungen neuer Vitrinen und Podeste für die wertvollen Exponate des Berliner Humboldt Forums und des Deutschen Museums in München. Zwischendurch muss in der Werkstatt noch Platz gemacht werden für eine Wanderausstellung des Auswärtigen Amts. Aufsteller, die über Deutschlands Energiewende informieren, brauchen nach einer Reise durch mehr als 80 Länder eine Frischekur – im erzgebirgischen Scharfenstein. Hier entstehen am Ende eines unscheinbaren Gewerbegebiets mit Blick auf idyllische Wälder Ausstellungsmöbel und -elemente für die renommiertesten Kultureinrichtungen des Landes.

Etwa zehn Projekte gleichzeitig

Mehr als 500 Museumsprojekte hat das Unternehmen Seiwo Technik in den vergangenen 25 Jahren realisiert. „Im Durchschnitt arbeiten wir an bis zu zehn Projekten gleichzeitig“, sagt Geschäftsführer Jan Wabst. Erst vor Kurzem wurde nach vier Jahren Bauzeit das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg eröffnet – ausgestattet mit rund 150 Vitrinen aus dem Erzgebirge, von denen sich nur zwei oder drei gleichen. „Wir agieren wie ein Prototypenbau. Kein Element ist wie ein anderes.“ Allein für das Regensburger Museum mit 2500 Quadratmetern Ausstellungsfläche habe man rund 900 Tonnen Material verbaut, darunter 18 Kilometer Aluminiumprofile.

Kurz nach der Wende war noch nicht absehbar, das sich der 1990 gegründete Metallbaubetrieb mit Schwerpunkt Werbetechnik bundesweit einmal zu den Top 5 in Sachen Museumsausstattung entwickeln würde. Doch mit dem Aufkommen der LED-Technik veränderte sich der Markt, neue Ideen mussten her. Mit kleineren Projekten wie der knapp fünf Autominuten entfernten Burg Scharfenstein oder dem Chemnitzer Industriemuseum fasste man in den ersten Museen Fuß. Großaufträge wie das Besucherzentrum Arche Nebra rund um die berühmte Himmelsscheibe oder das Porsche Museum Stuttgart ließen die Erzgebirgler zu den wichtigsten Anbietern in diesem Bereich aufsteigen.

International fünf große Player

Neben kleineren Mittelständlern oder Tischlereien, die sich auf das Herstellen von Ausstellungsmöbeln spezialisiert haben, gibt es international fünf große Player, die Museen wie den Louvre in Paris oder das Metropolitan Museum of Art in New York ausstatten. Einer davon sitzt ebenfalls in Sachsen, Vitrinen- und Glasbau Reier aus Lauta. Außerdem gibt es noch einen namhaften deutschen Hersteller in Frankfurt am Main. Die übrige Konkurrenz sitzt in Italien und Irland.

„Klar, das ist nochmal eine ganz andere Liga“, räumt Wabst ein. Insbesondere bei Sonderkonstruktionen mit hohen technischen Ansprüchen, sei es in puncto Beleuchtung oder Sicherheit, spiele der Familienbetrieb aber ganz vorn mit. Zudem tüftelten die derzeit 54 Mitarbeiter gern: Ein Wirbelsturm-Simulator für kleine Naturforscher? Eine Acrylglas-Röhre, ein Gebläse und eine Nebelmaschine, dazu eine Portion kindliche Neugier, und fertig ist das physikalische Phänomen auf Knopfdruck für ein Museum in Dänemark.

„In dem Sinne erweist sich die politische Wende als Standortvorteil, denn gerade unsere älteren Mitarbeiter sind durch die Brüche in ihren Lebensläufen sehr flexibel, haben zum Teil drei Berufe gelernt“, meint der Unternehmenschef. Vieles entstehe durch Ausprobieren.

Firma braucht immer wieder neue Fachkräfte

Nicht ganz so neugierig war ein Teil der Belegschaft hingegen auf den ersten afghanischen Kollegen in den eigenen Reihen, der nun eine Ausbildung bei Seiwo beginnt. „Aber wir brauchen neue Fachkräfte, auch aus dem Ausland, gerade hier im Erzgebirge“, ist Wabst überzeugt. Anstatt daraus ein Problem werden zu lassen, habe er bei den betreffenden Mitarbeitern Überzeugungsarbeit geleistet - bei jedem einzelnen.

Das Team hat sich in den letzten sechs Jahren mehr als verdoppelt. Der 43-Jährige will weiterhin auf Wachstum setzen. Dass die Ideen nicht ausgehen, dafür sorgt auch der eigene Nachwuchs. „Mit einem fünf Jahre alten Kind zu Hause gehören Museen zwangsläufig zum Angebot“, meint er lachend. Sein Favorit: das Verkehrsmuseum in Dresden.

Bundesweit gibt es nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 6770 Museen mit zuletzt rund 114 Millionen Besuchen. Die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg haben jeweils mehr als 1000 Museen. In Sachsen gibt es knapp 400, Sachsen-Anhalt und Thüringen kommen auf jeweils etwa 240 museale Einrichtungen.