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| 18:55 Uhr

Braunkohle-Ausstieg
Erster Jänschwalde-Block geht in Reserve

Paul Donath ist Projektleiter der Leag für die Vorbereitung der Sicherheitsbereitschaft von zwei 500-MW-Blöcken in Jänschwalde. Ab ersten Oktober geht der erste Block aus dem regulären Betrieb, ein Jahr später der zweite.
Paul Donath ist Projektleiter der Leag für die Vorbereitung der Sicherheitsbereitschaft von zwei 500-MW-Blöcken in Jänschwalde. Ab ersten Oktober geht der erste Block aus dem regulären Betrieb, ein Jahr später der zweite. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Cottbus. Enormer technischer Aufwand und Verlust von rund 1600 Jobs in der Region mit Übergang von 1000 MW in Bereitschaftsmodus. Simone Wendler

Für die Mitarbeiter des Lausitzer Energiekonzerns Leag wird der 1 Oktober kein Tag zur Freude. Dann geht einer der sechs 500-Megawatt (MW)-Blöcke des Kraftwerkes Jänschwalde in einen technischen Schlummerzustand. Genau ein Jahr später folgt ihm ein weiterer Block. Jeweils vier Jahre lang werden die Aggregate dann Teil einer bundesweiten Sicherheitsreserve zur Stromversorgung Deutschlands sein. Nach den vier Jahren ist unumkehrbar Schluss. Die Blöcke werden endgültig stillgelegt.

Leag-Vorstandschef Helmar Rendez bezeichnet den ersten Oktober 2018 deshalb als „bitteren Moment“. Der dann aus dem regulären Betrieb genommene Block F ist mit 30 Jahren Laufzeit der jüngste des Kraftwerkes. Block E, der ein Jahr später folgt, ist nur wenig älter. „Beide Blöcke hätten noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte laufen können“, bedauert der Leag-Chef.

Dass das Kraftwerk in umgekehrter Richtung seines Aufbaus jetzt wieder zurückgebaut wird, begründet Kraftwerksleiter Andreas Thiem mit technischen Fakten. Die beiden jüngsten Blöcke seien am einfachsten auszukoppeln und im Bereitschaftszustand auch zu sichern. Alle zentralen Kraftwerkseinrichtungen befänden sich genau am entgegengesetzten Ende des Gesamtkomplexes.

Der jetzt als Erster einkonservierte Block F wurde 2014 erst mit einer neuen Zünd- und Stützfeuerung mit Trockenbraunkohle ausgerüstet, um die Flexibilität zu erhöhen. Das damit verbundene Förder- und Forschungsprogramm sei abgeschlossen, so Kraftwerkschef Thiem. Die Technik sei jetzt von Vorteil, wenn der Block F aus der Bereitschaft heraus wirklich gebraucht werde.

Das Versetzen von zwei mal 500 MW in Jänschwalde in einen vierjährigen Schlummerzustand ist Teil einer Entscheidung der Bundesregierung von 2015 (siehe Infobox). Zwischen 2016 und 2023 sollen damit insgesamt Braunkohlekapazitäten im Stromsektor von 2700 MW schrittweise stillgelegt werden. Damit ist die politische Erwartung verknüpft, den Ausstoß von etwa zwölf Millionen Tonnen klimaschädlichen Kohlendioxids einzusparen.

Für jeweils vier Jahre werden jedoch an die betroffenen Stromerzeugungsanlagen hohe Erwartungen geknüpft. Wenn sich beim Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung und gleichzeitigen Abschaltung der Kernkraftwerke in den kommenden Jahren ein Versorgungsengpass abzeichnet, sollen diese Anlagen kurzzeitig einspringen. Als „letzter Hosenträger der Versorgungssicherheit“ bezeichnet Leag-Chef Helmar Rendez die Konstruktion.

Die stellt technisch hohe Anforderungen an die Kraftwerker, die dabei Neuland betreten. Bisher wurden Kraftwerksblöcke wie die in Jänschwalde für maximal 80 Tage angehalten, um Revisionen und Reparaturen durchzuführen. Jetzt sollen es vier Jahre sein. Innerhalb dieser Zeit müssen die Anlagen jedoch nach entsprechender Aufforderung in nur zehn Tagen wieder bereit sein, das Feuer unter den Dampfkesseln zu zünden. 24 Stunden nach der Zündung muss der Kraftwerksblock dann wieder volle Leistung ins Netz liefern.

Welche technische Herausforderung dahinter steckt, erklärt Kraftwerkschef Andreas Thiem. An den beiden Kesseln eines Kraftwerksblockes seien Hunderte Kilometer relativ dünner Rohre zur Dampferzeugung verbaut. Diese müssen innen mit einer speziellen Substanz beschichtet werden, damit sich keine Feuchtigkeit darauf absetzt und Rost erzeugt. Andere Bereiche wie die Turbinenblätter müssten mit Trockenluft vor Korrosion geschützt werden. Dazu kämen Tausende Ventile und jede Menge Steuerungstechnik, die betriebsbereit gehalten werden müsse. „Wir werden die Anlage im Winter auch beheizen müssen“, kündigt Thiem an. Denn bei Außentemperaturen von -20 Grad, die in der Lausitz keine Seltenheit seien, sei es nicht möglich, den Kraftwerksblock kalt zu starten.

Deshalb wird es groß dimensionierte Heizlüfter in den Bereitschaftsblöcken geben und zusätzliche elektrische Heizungen an Rohren. Sieben MW Heizleistung werden für die Wärmeversorgung der beiden Reserveblöcke F und E nötig sein, so die Leag-Berechnungen. Seit fast drei Jahren beschäftige sich eine spezielle Projektgruppe ausschließlich mit den Vorbereitungen der Sicherheitsbereitschaft.

„Es gibt keine technischen Erfahrungen mit solchen Prozessen“, beschreibt Thiem die Herausforderung. Neben den technischen Fragen sind auch logistische und organisatorische Aufgaben zu bewältigen. Wie kommt bei einem kurzfristigen Einsatz schnell genug Rohbraunkohle heran, gibt es genug Wasser und Personal? Im Bereitschaftszustand, so Thiem, werden etwa 30 Mitarbeiter den Block überwachen: Wird er kurzfristig gebraucht, werden einhundert Kraftwerker benötigt.

„Es ist für die Belegschaft auch eine Frage der Kraftwerkerehre, dass das alles klappt“, sagt Leag-Vorstandschef Rendez.  Zur Zeit werde eine Funktionsprobe der Bereitschaft geplant, Vergabeentscheidungen für verschiedene Konservierungsarbeiten stünden bevor. Die beginnende Sicherheitsbereitschaft für zwei Kraftwerksblöcke habe jedoch nicht nur Folgen für die technischen Anforderungen.

1000 MW Kraftwerkskapazität weniger dauerhaft am Netz bedeute auch weniger Kohleförderung und weniger Kohletransport. Insgesamt würden deshalb, so Rendez 600 Laeg-Arbeitsplätze abgebaut. Das geschehe über regulären und vorgezogenen Renteneintritt. Kündigungen wird es nicht geben. Mit dem Gesamtbetriebsrat sei dazu eine Vereinbarung abgeschlossen worden.

Doch nicht nur Leag-Mitarbeiter werden den Beginn der Sicherheitsreserve zu spüren bekommen. Mit dem Versetzen der zwei Blöcke in diesem und dem kommenden Jahr  in einen Ruhezustand gehe auch die Nachfrage bei Service- und Instandhaltungsleistungen zurück. Rendez rechnet deshalb damit, dass dadurch weitere eintausend Jobs in der Region verlorengehen werden.

Die Leag selbst bekommt die Sicherheitsbereitschaft ihrer beiden Blöcke über jeweils vier Jahre vergütet. Bezahlt wird für den Gewinnausfall, weil die Anlagen nicht laufen, aber auch für die tatsächlich entstandenen Kosten des technischen Aufwandes der Konservierung. Die Leag muss dazu detaillierte Abrechnungen bei der Bundesnetzagentur vorlegen. „Wir bekommen kein Geld fürs Nichtstun“, versichert Leag-Chef Helmar Rendez.

Eine Prognose, wie häufig die beiden Jänschwalder Reserveblöcke vermutlich aus dem Schlummerzustand geweckt werden, will Leag-Chef Rendez nicht abgeben. Mit jeder Abschaltung eines Atomkraftwerkes verringere sich jedoch die „gesicherte Leistung“ in Deutschland. Damit wird die Kapazität konventioneller Stromerzeuger bezeichnet, die wetterunabhängig laufen.

In diesem Jahr, so Rendez, werde der maximale Strombedarf Deutschlands erstmalig nicht mehr durch die gesicherte Leistung gedeckt. Die Hoffnung, bei künftigen Engpässen Strom aus Nachbarländern zu bekommen, sieht er eher skeptisch: „Wenn  wir Höchstbedarf und Dunkelflaute haben, sieht es dort nicht besser aus.“

Die Frage, ob das Kraftwerk Jänschwalde nach der Komplettabschaltung der zwei Blöcke 2023 noch rentabel sei, beantwortet Rendez vorsichtig: „Es wird wirtschaftlich enger.“ Die Leag stehe auch vor der Herausforderung, sich Gedanken zu machen, was langfristig mit dem Kraftwerksstandort Jänschwalde geschehen soll. Jetzt habe der Start der Sicherheitsbereitschaft jedoch erst mal Vorfahrt.