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| 07:01 Uhr

Strukturwandel in der Lausitz
EU-Generaldirektor auf Lausitz-Tour

 Der Bad Muskauer Parkdirektor Cord Panning (r.) sorgt für die ersten überraschenden Lausitz-Momente bei EU-Vize-Generaldirektor Klaus-Dieter Borchardt (l.).
Der Bad Muskauer Parkdirektor Cord Panning (r.) sorgt für die ersten überraschenden Lausitz-Momente bei EU-Vize-Generaldirektor Klaus-Dieter Borchardt (l.). FOTO: LR / Jan Siegel
Cottbus. Das Revier an Spree und Neiße will zu einer EU-Modellregion für den Kohleausstieg werden. Dafür brauchen Brandenburg und Sachsen aber starke Unterstützer. Einer war jetzt hier. Von Jan Siegel

Ziemlich genau 868 Kilometer liegen zwischen Cottbus und dem Verwaltungszentrum der Europäischen Union in der belgischen Hauptstadt Brüssel. Es sind aber nicht nur diese 868 Autobahnkilometer, die Lausitzer überbrücken müssen, wenn sie im Hauptquartier der EU etwas für sich erreichen und für ihre Belange Aufmerksamkeit erzeugen wollen.

Diese Aufmerksamkeit ist jetzt wichtiger denn je. Die Region, die sich in den nächsten zwei Jahrzehnten auf der Suche nach einer neuen wirtschaftlichen Zukunft verändern soll, braucht Unterstützer, aber vor allem auch eine ganz neue regulatorische Bewegungsfreiheit für den Wandel von der Kohle- hin zu einer Zukunftsregion. Beides – Hilfestellung und neue Flexibilität – kann Klaus-Dieter Borchardt organisieren. Der Deutsche ist einflussreich. Immerhin ist er Stellvertretender Generaldirektor in der EU-Generaldirektion „Energie“ und als solcher zuständig für die Koordinierung der gesamten EU-Energiepolitik. Borchardt ist der Koordinator der Kohleplattform. Mit ihr haben sich insgesamt 41 Kohleregionen aus ganz Europa zusammengeschlossen, um sich zu vernetzen und gemeinsam über ihre Perspektiven nach dem Kohleabbau zu diskutieren.

„Mein Bild von der Lausitz war tatsächlich bis gestern noch geprägt von Tagebauen und Großkraftwerken. Viel anderes wäre mir dazu spontan nicht eingefallen“, ist Borchardt entwaffnend ehrlich, als er in dieser Woche mitten im frühlingshaften Grün des Pückler-Parks in Bad Muskau steht. Der Jurist, der in Norddeutschland groß wurde, ist seit Jahren schon ein wichtiges Rad im Getriebe der EU-Administration. Dort, wo die Weichen gestellt werden für die wirtschaftliche Zukunft.

Auf Einladung der Wirtschaftsregion Lausitz (WRL) war Borchardt am Dienstag und Mittwoch auf Lausitztour – in seinem Gefolge Abgesandte aus dem polnischen Revier Katowice und der tschechischen Braunkohleregion um Most. Gemeinsam wollten sie sich ein Bild machen von den in der Lausitz anstehenden Umbrüchen und den Potenzialen dieser Gegend. Borchardt: „Es ist einfach immer etwas anderes, eine Region zu erleben, statt nur aus der Ferne über sie zu reden.“

Und was der hochrangige EU-Beamte in der Lausitz erlebt, beeindruckt ihn. Wer Borchardt bei dieser Tour begleitet, spürt regelrecht, wie der Mann während seiner Entdeckertour ein Lausitz-Klischee nach dem anderen über Bord schmeißt.

Beim Start in Cottbus geht es noch technisch zu. Die Lausitzer Initiatoren eines Projekts, das sich mit dem langfristigen Umbau heutiger Kohleunternehmen und ihrer Suche nach Geschäftsfeldern für die Zukunft beschäftigt, zeigen, was sich in Richtung Zukunft bewegt.

 Klaus-Dieter Borchardt wirkt da noch ein bisschen hölzern, noch ein bisschen staatstragend im EU-Sprech: Klar, die Ausschreibungen sollten unbürokratischer werden. Allerdings müssten zuerst überzeugende Konzepte für die Zeit nach dem Kohleausstieg entwickelt werden, protokolliert die Nachrichtenagentur dpa zu Borchardts Tourstart in Cottbus. Es gehe nicht immer nur um Fördermittel. Die Projekte hörten an der deutschen Grenze nicht auf, die Lausitz habe auch einen polnischen Teil.

In Bad Muskau erlebt der EU-Direktor „zum ersten Mal bewusst“ ein anderes Gesicht der Lausitz. Der Park mit dem beeindruckenden Schloss lässt ihn ehrlich staunen und offenbar erstmals erahnen, welche anderen Potenziale in der Region stecken. Und sie zeigen ihm auch Defizite. Wer das weltweit beachtete Kleinod an der Neiße erleben will, hat mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum eine Chance. Es fehlt an der Infrastruktur.

In der längst stillgelegten Telux-Spezialglasfabrik in Weißwasser lernt Klaus-Dieter Borchardt Sebastian Krüger kennen. Der Oberlausitzer mit dem Basecap und dem langen schwarzen Zausel-Bart ist „der kreative Kopf des Wandels in der Telux“. So stellt ihn Weißwassers Bürgermeister Torsten Pötzsch vor. Krüger hat Industriedesign studiert und einen ansteckenden Optimismus, wenn er darüber spricht, wie er und seine Mitstreiter das alte Fabrikgelände mit den Weißwasseranern neu zurückerobern wollen.

Dort gibt es preiswerten Platz für die abgefahrensten Konzepte. Dort können Visionen ausprobiert werden, die andernorts unbezahlbar sind. Borchardt wirft den Zeitplan seiner Tour über den Haufen, lässt sich alles erklären, ist begeistert von der Kreativität der Menschen, ihrer Bereitschaft für Veränderung und ihre Lust auf Neues und entdeckte dabei Seiten der Lausitz, die er offenbar bisher auch nicht kannte.

 Flexibilität ist das große Thema auch bei der nächsten Station auf Borchardts Tour durch die Lausitz. Im Kraftwerk Boxberg erklären ihm Leag-Vorstand Hubertus Altmann und Kraftwerksleiter Carsten Marschner, wie ihr Kraftwerk innerhalb von gerade mal 45 Minuten seine Leistung zwischen 20 und 100 Prozent variieren kann.

 Die Entdeckungstour hat bei Klaus-Dieter Borchardt Spuren hinterlassen. Es scheint, als sei der EU-Direktor irgendwie ein Fan geworden: „Ich habe gespürt, dass viele Menschen hier schon mit Enthusiasmus dabei sind, sich zu verändern. Das kann hier richtig funktionieren“, sagt er bei einem abendlichen Empfang am Berzdorfer See, vor den Toren von Görlitz. „Diese Region kann als Gewinner aus dem Strukturwandelprozess herausgehen.“

Und Borchardt macht den beiden Lausitzbeauftragten der Landesregierungen Klaus Freytag (Brandenburg) und Stephan Rohde (Sachsen) große Hoffnung. Dass die EU das alte Revier an Spree und Neiße als eine Modellregion benennen wird, wo der Kohleausstieg beispielhaft für andere Regionen vorgeführt werden soll. „Aber denken Sie auch daran“, sagt Borchardt augenzwinkernd drohend in Richtung von Freytag und Rohde, „wer ein Vorzeigebeispiel sein will, darf möglichst keine Fehler machen.“

 Sebastian Krüger (M.): kreativer „Charakter“-Kopf mit vielen Ideen und ansteckender Begeisterung hat auch den EU-Beamten Borchardt (l.) infiziert.
Sebastian Krüger (M.): kreativer „Charakter“-Kopf mit vielen Ideen und ansteckender Begeisterung hat auch den EU-Beamten Borchardt (l.) infiziert. FOTO: LR / Jan Siegel
 Der Bad Muskauer Parkdirektor Cord Panning (r.) sorgt für die ersten überraschenden Lausitz-Momente bei EU-Vize-Generaldirektor Klaus-Dieter Borchardt (l.).
Der Bad Muskauer Parkdirektor Cord Panning (r.) sorgt für die ersten überraschenden Lausitz-Momente bei EU-Vize-Generaldirektor Klaus-Dieter Borchardt (l.). FOTO: LR / Jan Siegel
 Sebastian Krüger (M.): kreativer „Charakter“-Kopf mit vielen Ideen und ansteckender Begeisterung hat auch den EU-Beamten Borchardt (l.) infiziert.
Sebastian Krüger (M.): kreativer „Charakter“-Kopf mit vielen Ideen und ansteckender Begeisterung hat auch den EU-Beamten Borchardt (l.) infiziert. FOTO: LR / Jan Siegel