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| 20:50 Uhr

Zukunft des Energiekonzerns
Der Leag-Chef nimmt’s sportlich

Cottbus. Vorstandschef Helmar Rendez will den Energiekonzern Leag auf neue Wege abseits des bisherigen Hauptgeschäfts mit der Braunkohle führen. Im Konzern macht Rendez Tempo. Wie Kohlekommission und Bundesregierung agieren, sieht der 56-Jährige kritisch. Von Oliver Haustein-Teßmer

Helmar Rendez trainiert. Jeden Morgen vor der Arbeit eine Stunde. Laufen, dann in die Muckibude, für bessere Rumpfspannung. Mittags in der Leag-Kantine nimmt der Vorstandschef des Lausitzer Energiekonzerns gern Salat. Die Salatbar in der Konzernzentrale in Cottbus soll bald vorn an der Essensausgabe stehen. Wo die Wartenden Tomaten und Gurken nicht übersehen können.

Der Triathlet möchte, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesund bleiben und auch Sport machen. Sein Erfolg: „Dieses Jahr haben wir 350 Leag-Teilnehmer beim DAK-Firmenlauf in Cottbus zusammengebracht, das größte Team.“

Sportlich geht der promovierte Wirtschaftswissenschaftler auch den Strukturwandel an, Die Bundesregierung hat sich verpflichtet, zum weltweiten Klimaschutz beizutragen. Kohlekraftwerke, die Kohlendioxid ausstoßen, sollen vom Netz gehen. In Jänschwalde sind bereits zwei Blöcke heruntergefahren worden.

Leag 2017: Revierkonzept im Eiltempo erstellt

Binnen sechs Monaten hat Rendez’ Team 2017 das Revierkonzept niedergeschrieben. Betriebswirtschaftlich vertretbar ist es für die Leag demnach, die Braunkohle-Verstromung bis Mitte der 2040er-Jahre geordnet abzuwickeln. Dann wäre der Großteil der älteren Mitarbeiter in Rente.

Es gäbe Zeit, um Geld zu verdienen, das in neue Geschäftsfelder investiert werden kann. „Wir möchten Neues entwickeln, brauchen dafür aber natürlich auch genügend Geld in der Kasse“, sagt der Energiemanager. Neues? Rendez sagt dazu bisher nur: „Wir haben Potenzial, das sind unter anderem unsere Infrastruktur, das Know-how unserer Mitarbeiter und unsere Flächen.“

Leag 2018: Diese neuen Geschäfte werden geplant

Dem Vernehmen nach schauen Leag-Fachleute, ob beispielsweise das firmeneigene Eisenbahnwesen für mehr als nur für Kohletransporte gebraucht wird oder wie das Know-how der Bergleute und Kraftwerker bei erneuerbaren Energien genutzt werden kann. Speichertechnologie wäre wohl auch interessant.

Speichern von Energie, Strom versorgungssicher produzieren, auch wenn die Sonne nicht scheine und der Wind nicht wehe, um die Netze stabil zu betreiben, das sei anspruchsvoll, sagt Rendez. Genauso wichtig für den Industriestandort Deutschland sei preiswerter Strom.

Ob das bei Kohlestrom so bleibt und ob Versorgungsstabilität allein von längerer Laufzeit der Kohlekraftwerke abhängt, ist umstritten. Die Umweltorganisation Greenpeace, in der Kommission für Strukturwandel, Wachstum und Beschäftigung vertreten, hat vom Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft berechnen lassen, dass ab 2030 eine solide Stromversorgung ohne Kohle möglich werde.

Leag-Chef: Setze auf Vernunft in Kohlekommission

Die Bundesnetzagentur ist skeptischer, ähnlich wie der Leag-Chef. „Ich setze aber darauf, dass es in der Kommission zu vernünftigen Vorschlägen kommt“, sagt Rendez. Dafür erhält das bisher zerstrittene Gremium, in dem neben den Klimaschützern Wissenschaftler, Vertreter von Gewerkschaften und Arbeitgebern sowie kommunale Vertreter sitzen, nun mehr Zeit, bis Januar 2019.

Jedenfalls belegt ein weiteres Gutachten vom Oktober 2018, an dem das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin mitarbeitete, dass der Wandel im Lausitzer Revier am schwierigsten wird: mangelhafte Verkehrsverbindungen, zu wenig Forschungseinrichtungen, mehr Arbeitslose und mehr Anteil der Braunkohle an der Wirtschaftskraft als anderswo.

Landesregierungen: Lausitz braucht Ersatz für Kohle-Jobs

Kommunale Politiker sowie die Landesregierungen Brandenburgs und Sachsens betonen: Wenn Einkünfte aus der Kohle fehlen, brauche man gleichwertigen Ersatz. Die Leag sieht sich neben der BASF in Schwarzheide als Anker-Unternehmen der Region.

Konzernchef Rendez erläutert: Knapp 1,4 Milliarden Euro betrage die jährliche Wertschöpfung aus seinem Betrieb heute. Hätte man noch 30 Jahre Zeit, müsste anstelle der Tagebaue und Kraftwerke rechnerisch jedes Jahr ein neues Unternehmen mit rund 50 Millionen Jahresumsatz entstehen – und langfristig am Markt erfolgreich sein.

Kürzlich hat Rendez als Chef des Bundesverbands Braunkohle vor „verheerenden Strukturbrüchen“ gewarnt. Und verbreitet, das ein vorzeitiger Kohleausstieg 100 Milliarden Euro kosten würde. Rendez findet, dass andere, das Klima schädigende Sektoren wie Landwirtschaft und Verkehr „auch erstmal liefern müssen“. Das sei fair – wie im Sport.

 Der Vorstandschef der Leag, Helmar Rendez, im Gespräch mit den Chefredakteuren der Lausitzer Rundschau, Oliver Haustein-Teßmer (l.) und der Märkischen Oderzeitung, Klaus Liesegang (r.).
Der Vorstandschef der Leag, Helmar Rendez, im Gespräch mit den Chefredakteuren der Lausitzer Rundschau, Oliver Haustein-Teßmer (l.) und der Märkischen Oderzeitung, Klaus Liesegang (r.). FOTO: Sebastian Schubert