Strom und Digitales, das sollte schon zusammen gehen. Aber automatisch passiert da nichts. Das fängt schon bei der Erfassung des Stromverbrauchs an. „Solange wir in Deutschland immer noch schwarze Kästen austauschen, kommen wir nicht weiter.“ Das sagte Helmar Rendez beim Ostdeutschen Energieforum am Dienstag in Leipzig. Das jährliche Treffen der Energiewirtschaft der Ost-Länder in Leipzig musste sich diesmal mit mehreren drängenden Zukunftsfragen auseinander setzen. Eine davon ist, was die Digitalisierung mit der Branche macht.

Digitales ist ein Reizwort in der politischen Debatte geworden. Den einen kann es nicht schnell genug gehen, den anderen macht der digitale Wandel Angst. Manche sind grundsätzlich dafür, andere grundsätzlich dagegen. Dabei ist nicht immer klar, was gerade mit Digitalisierung gemeint ist. Unumstritten ist nur eines: Sie durchdring alle Lebensbereiche - vor allem die der Wirtschaft. Den in Leipzig zusammen gekommenen Vorständen der Energieunternehmen ging es vor allem darum, wie Digitalisierung den Handel mit Strom und Wärme verändert. Darum drehte sich eine eigene Diskussionsrunde auf der Bühne vor vollem Saal.

Smarte Stromkästen sollen beim Stromsparen helfen

Rendez ist Vorstandschef der Leag. Er warb beim Energieforum für mehr Mut im Angesicht der digitalen Möglichkeiten: „Die dezentrale Welt verlangt danach, dass wir die Energieversorgung vernetzen“, sagte der 57-jährige Energiemanager, der seit 2016 die Geschicke des Lausitzer Bergbaus lenkt. Beispiel Stromzähler. Da gibt es inzwischen smarte Alternativen zum alten schwarzen Kasten. Die machen es nicht nur den Unternehmen leichter, den Strom zu verkaufen. Auch die Kunden profitieren von den Apps, die den Stromverbrauch ausrechnen und dadurch helfen, Kosten zu senken. Jedenfalls dann, wenn Prozesse entsprechend umgestellt werden. „Die meisten Leute wissen gar nicht, wie viel sie verbrauchen. Sie kennen höchstens die Abschläge, die sie zahlen.“ Digitalisierung kann da helfen. Kein Grund also, Angst davor zu haben.

Diese Angst ist aber real und gerade unter Industriearbeitern verbreitet. Davon berichtete der brandenburgische Staatssekretär Thomas Kralinski, der in der Gesprächsrunde die Politik vertrat. 2018, erzählte er, hat die Landesregierung eine Studie in Auftrag gegeben, um die Effekte der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt in Brandenburg zu untersuchen. Was heraus kam, lässt das Plus und Minus an Arbeit gut abzählen: Demnach werden bis 2025 in Brandenburg 27 700 Arbeítsplätze durch die Digitalisierung in Unternehmen oder Behörden wegfallen. Dafür entstehen 25 700 neue Jobs. Die Erwerbstätigenzahl wird laut dieser Rechnung insgesamt von einer Million auf 1,1 Millionen steigen.

Digitalisierung ist kein Job-Killer

Die Botschaft, die die rot-rote Landesregierung mit solchen Zahlen senden wollte, lautet: Digitalisierung ist kein Job-Killer. Wegfallen werden einfache Tätigkeiten, die künftig von Rechnern übernommen werden. Dafür sind am andern Ende neue Vertriebswege offen und damit neue Geschäftszweige möglich. Das müsse mehr in der Öffentlichkeit diskutiert werden, meinte der 47-jährige SPD-Politiker in Leipzig: „Man muss den Leuten Lust machen auf Digitalisierung“, sagte er in der Diskussionsrunde. „Man muss zeigen, dass Digitales das Leben einfacher, besser und gesünder machen kann.“

Dem stimmte Klaus-Dieter Barbknecht zu. Dennoch warnte der Rektor der TU Bergakademie Freiberg davor, zu große Erwartungen zu wecken. „Die können wir nicht erfüllen.“ Digitalisierung braucht akademisches Personal - aber das sei im Moment nicht in Sicht. „Wir können gar nicht die Informatiker ausbilden, die wir hier in Sachsen brauchen“, sagte der 61-jährige Jurist, der seit 2015 die traditionsreiche Bergakademie leitet.

Mehr Informatiker benötigt

Barbknecht rechnete vor: Die IT-Branche wächst jedes Jahr in Zehn-Prozent-Schritten. Mindestens 30 000 Informatiker würden in den nächsten Jahren gebraucht, um die Digitalisierung so voran zu bringen, wie sich die Wirtschaft das wünscht. Aber nicht einmal 1000 Absolventen verlassen die sächsischen Hochschulen im Jahr. „Wir geben 35 Millionen aus für universitäre Ausbildung von Informatikern“, so der Professor. „Wir bräuchten das Doppelte unter der Voraussetzung, alle Absolventen bleiben im Land.“

Schon jetzt würden die Betriebe kaum noch Informatiker finden. Aber wie auch bei anderen nachgefragten Berufsgruppen - wie Lehrern und Medizinern - brauchen Lösungen zeitlichen Vorlauf. Jetzt mehr Professoren einzustellen, hält Barbknecht für wenig wirkungsvoll. Denn es wäre gar nicht genug wissenschaftlicher Nachwuchs da, der sich auf die Stellen bewerben könnte. „Wir werden gezwungen sein, mit allem Geld, das wir da reinstecken, den Mangel zu verwalten.“

Gleichwohl sieht Klaus-Dieter Barbknecht schon jetzt die Vorteile des digitalen Wandels für den Wissenschaftsbereich, auf den seine Hochschule spezialisiert ist. Gerade sei man in Freiberg dabei, Bergbau ökologischer zu machen durch Digitalisierung. „Das ist bei uns ein wachsender Forschungsbereich.“